„Dienstgipfelhöhe 12.700 Meter, sticht!“ Kennen Sie noch die Flugzeug- und Auto-Quartetts, die man lange vor dem Magic-/Warcraft-/Pokémon-Go-Zeitalter auf dem Schulhof zockte?
„Die Faszination der bunten Karten“, wie der Spiegel vor zehn Jahren berichtete, lebe bis heute weiter. Zumindest ein Hauch der alten Faszination stellt sich ein, wenn man die beiden roten Karten vor sich auf dem Monitor betrachtet. Sie gehören zu einem interaktiven Onlinespiel für Lebensversicherte, das die Verbraucherzentrale (VZHH) Bremen mit Unterstützung des Policenkäufers Partner in Life (PiL), ins Leben gerufen hat.
Verbraucher sollen sich mit dem „LV-Quartett“ auf spielerische Art mit ihren bestehenden konventionellen Lebensversicherungen beschäftigen, erklärt die VZHH den Zweck des virtuellen Kartenspiels. „Sie sollen damit erkennen können, wie stark/schwach Ihr Versicherer belastet ist und wie stabil wir den Versicherer dahingehend einschätzen diese Belastungen in den kommenden Jahren zu tragen“, heißt es auf der Webseite.
>>> Hier geht es zum LV-Quartett
Wie funktioniert das Spiel?
Das Spiel ist wie das gute alte Auto-Quartett aufgebaut – nur halt ohne Fotos von flotten Flitzern. Anhand von sieben Kriterien lässt sich nun die eigene Versicherungsgesellschaft mit den anderen am Markt tätigen Lebensversicherern vergleichen. Diese lauten so:
- Anteil des Lebensversicherungsgeschäftes in Deutschland,
- Anteil des Lebensversicherungsgeschäftes mit Garantiezins,
- Anteil der vorhandenen Reserven,
- Durchschnitt der Garantien,
- Größe des Lebensversicherungsgeschäftes,
- Solvenzquote und
- Stabilitäts-Rating
Der Versicherer, der beispielsweise die bessere Finanzausstattung hat, gewinnt das Spiel und bekommt einen Punkt. Das Ganze wird dann mit vier weiteren Anbietern, die der Zufallsgenerator ausspuckt, fortgesetzt. Die Ergebnisse lesen sich dann wie der Ausgang eines munteren Fußballspiels – zum Beispiel: 3:2, 4:1, aber auch 5:0 oder 0:5 – letzteres Ergebnis wird dann von der Maschine so kommentiert: „0 Runden gewonnen; 5 Runden verloren ==> Sie haben verloren 0 : 5 – schade!“
Was ergab der Spieletest von Pfefferminzia?
In einem Selbstversuch hat Pfefferminzia die Heidelberger Leben (HL) gegen andere Lebensversicherer antreten lassen. Warum die Heidelberger Leben?
Die Gesellschaft befindet sich seit einigen Jahren im sogenannten Run-off. Bedeutet: Das Neugeschäft wurde eingestellt, die bestehenden Verträge an die Abwicklungsplattform Viridium verkauft. Die Plattform wird auch der künftige Besitzer von rund 4 Millionen Lebensversicherungsverträgen der Generali Leben sein. Vor diesem Hintergrund fragen sich viele Verbraucher, deren Police früher oder später zu einem Run-off-Bestand gehört, ob ihr Vertrag bei den neuen Besitzern in guten Händen ist?
Auf diese Frage liefert das Spiel aber nur bedingt Antworten, wie das Beispiel Heidelberger Leben zeigt. Wir haben für den Selbsttest das Kriterium „Anteil der vorhandenen Reserven“ gewählt. „Je höher die Reserveausstattung in Prozent der Deckungsrückstellung einer Gesellschaft, desto besser“, heißt es zur Erklärung. Hier erreicht die HL einen Wert von beachtlichen 44 Prozent, was dem Nutzer dann auch mit fünf Sternen veranschaulicht wird.
4:1 gewinnt die Heidelberger Leben. Und jetzt?
1:0 für die Heidelberger heißt es dann auch nach dem ersten Vergleich mit einem anderen Versicherer – die Deutsche Ärzteversicherung (31 Prozent). Weiter geht’s mit Runde 2: Es erscheint die Deutsche Lebensversicherungs-AG, die eine Reserveausstattung von 66 Prozent aufweist, folglich lautet der neue Spielstand: 1:1. In Runde 3 heißt es dann wieder 2:1 für die HL, die sich gegen die Talanx-Tochter LifeStyle Protection (0 Prozent) durchsetzt. 3:1 steht es nach Runde 4. Gegner ist hier die Europa Leben (27 Prozent). Auch die Mylife (8 Prozent) zieht in der fünften und letzten Runde den Kürzeren. Keiner der Herausforderer gehört einer Abwicklungsplattform an.
Mit 4:1 gewinnt die Heidelberger Leben also souverän – und jetzt? Schneidet der eigene Versicherer im Marktvergleich über fünf Runden gut ab, erhält der Verbraucher keine weitere Empfehlung, erklären die Spielgestalter. Es bestehe dann „mit hoher Wahrscheinlichkeit kein drängender Handlungsbedarf“, sagt Dean Goff, Vorstand von Partner in Life. „Handelt es sich um eine im Marktvergleich eher schwache Versicherungsgesellschaft, wird der Rat erteilt, sich den eigenen Vertrag genauer anzusehen“, so Goff.
Fazit
Das Problem an der Sache: Wählt man in einem neuen Versuch das Kriterium „Solvenz-Quote“ verliert die soeben noch erfolgreiche Heidelberger Leben deutlich mit 1:4 (siehe Grafik auf Seite 1). Und nun? Wie viel ist eine gute Reserveausstattung eigentlich Wert, wenn die Solvenz-Quote eher mau ist, dürfte sich da der überforderte Versicherte fragen?
Hinzu kommt, dass sich bei Testwiederholungen zeigt, dass bestimmte Versicherer besonders häufig gegen die Heidelberger Leben antreten – die Dortmunder Leben taucht einmal sogar gleich direkt hintereinander auf, gleiches gilt für die Dialog. Manche Anbieter treten gar nicht in Erscheinung. Warum? Man weiß es nicht. Sei es drum. Ist ja nur ein Spiel. Und man muss diesem Spiel zu Gute halten, dass es einen schnellen und auch optisch ansprechenden Überblick gibt über die Grundverfasstheit der Gesellschaften, ohne sich in die Niederungen der Geschäftsberichte begeben zu müssen – auch wenn es am Ende einen Fachmann braucht, der es vermag, die Karten richtig zu lesen beziehungsweise, der es versteht, die auf den Karten hinterlegten Informationen vernünftig miteinander in Beziehung zu setzen.
PiL-Manager Goff betont dann auch, dass sich alleine auf Basis der Geschäftszahlen der Gesellschaft „kein Handlungsbedarf ableiten“ lasse. Es lohne sich aber intensiver mit diesem Vertrag auseinanderzusetzen, sagt der Bewertungsexperte. Zugleich warnt er, dass sich Verbraucher hüten sollten Altpolicen ohne Beratung zu kündigen. So würden sich oft auch bei starken Versicherungsgesellschaften schwach rentierende Policen finden und umgekehrt.
Man solle vom LV-Quartett auch keine konkrete Aussage wie: „…Sie haben einen tollen Vertrag – bitte führen Sie ihn bis Ablauf weiter…“ oder „…einfach grauenhaft – hohe Kosten treffen auf einen bereits durch die Aufsicht in Manndeckung genommenen Versicherer – bloß raus aus dem Vertrag…“, erwarten, heißt es seitens der Macher. Die Karten geben also ihr Geheimnis – zum Leidwesen des Kunden – nicht Preis. Zumindest nicht auf den ersten Blick.