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Zukunft nach der bAV-Reform „Den Zwang zur bAV braucht es nicht und es hilft auch nicht“

Reiner Schwinger ist Nordeuropa-Chef des Beratungsunternehmens Willis Towers Watson.
Reiner Schwinger ist Nordeuropa-Chef des Beratungsunternehmens Willis Towers Watson. © Willis Tower Watson

Wie eine starke Alterssicherung funktioniert, ob die reine Beitragszusage ein Renner oder Ladenhüter wird und welche Bedeutung der Versorgungslohn hat – Reiner Schwinger, Nordeuropa-Chef des Beratungsunternehmens Willis Towers Watson teilt seine Meinung zu diesen und weiteren Themen in einem Interview. Zentraler Punkt dabei: die Reform der betrieblichen Altersvorsorge (bAV).

27.04.2017 08:30  Drucken

Am 27. und 28. April steht die Stärkung der Renten erneut auf der Agenda des Bundestags. Zuvor hatte sich gezeigt, dass der Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Stärkung der Betriebsrenten (bAV) aus Sicht vieler Experten nachgebessert werden muss – so das Resultat der öffentlichen Anhörung des Ausschusses für Arbeit und Soziales vom 27. März 2017. Welche Überlegungen werden nun diskutiert und wie sind sie einzuschätzen? Reiner Schwinger, Nordeuropa-Chef des Beratungsunternehmens Willis Towers Watson, hat Antworten auf viele offene Fragen.

Dieses Interview wurde uns freundlicherweise von Willis Towers Watson zur Verfügung gestellt.

Nur eine starke gesetzliche Rente hilft gegen Altersarmut, sagt Die Linke. Wie sehen Sie das?

Reiner Schwinger: Wichtig ist ein starkes Zusammenspiel von betrieblicher Altersversorgung und gesetzlicher Rente. Internationale Studien zeigen, dass die Sicherung des Auskommens in den Ländern am solidesten ist, wo sie auf zwei stabilen Säulen – der bAV und der gesetzlichen Rente – ruht.

Beide Säulen decken dabei unterschiedliche Funktionen ab: Die gesetzliche Rente soll eine Mindestsicherung im Alter bieten – insbesondere für Menschen, die zum Beispiel als Geringverdiener oder aufgrund gebrochener Erwerbsbiografien nur wenig Chancen haben, privat oder betrieblich für ihr Alter vorzusorgen. Für das, was darüber hinausgeht, ist überproportional die bAV zuständig. Sie bietet aufgrund des kollektiven Sparvorgangs deutliche Kosten- und Effizienzvorteile gegenüber dem privaten Sparen.

Die Grünen schlagen vor, eine Pflicht zur bAV für Unternehmen und einen bAV-Staatsfonds einzuführen – halten Sie das für brauchbare Lösungen?

Die Grünen wollen die Bedingungen für eine betriebliche Altersversorgung deutlich verbessern – das halte ich für richtig. Aber ich würde dafür andere Wege vorschlagen. Ein Obligatorium, also den Zwang zur bAV, braucht es nicht und es hilft auch nicht.

Der jüngst verliehene Deutsche bAV-Preis hat gerade wieder einmal gezeigt, dass viele Unternehmen ihren Mitarbeitern bereits sehr gute Pensionspläne anbieten – ohne Zwang. Wichtiger wäre es, die für Unternehmen heute relevanten bAV-Stolpersteine aus dem Weg zu räumen – aber dafür hilft ein Obligatorium nicht.

Last but not least: Dass ein Staatsfonds effizienter und kostengünstiger arbeitet als die Pensionseinrichtungen, die sich dem Wettbewerb auf dem freien Markt stellen – das müsste man erstmal zeigen.

Einige Neuerungen der bAV-Reform sind an eine Tarifbindung gekoppelt. Dies wurde in der Experten-Anhörung des Bundestags vielfach kritisiert. Wie sehen Sie das?

Dieser Punkt wurde auch schon von den Bundesratsausschüssen kritisiert. Grundsätzlich können aber über Tarifverträge durchaus Standards gesetzt und eine gewisse Flächendeckung erreicht werden.

Gerade die bAV fußt aber auf einer starken betrieblichen Tradition. In der Vergangenheit gingen die betrieblichen Impulse zur Weiterentwicklung der bAV den tariflichen Entwicklungen häufig voraus. Im Zusammenspiel der Betriebsparteien wurden beeindruckende, kluge und zukunftsweisende bAV-Modelle entwickelt – das sollte nicht übersehen werden.

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