„Trendwende hätte drastische Auswirkungen“ Was mit der Lebensversicherung passiert, wenn die Lebenserwartung sinkt

In einem Hörsaal der Universität Leipzig sitzt eine Studentin neben einer 88-jährigen Gasthörerin in einer Geschichtsvorlesung.
In einem Hörsaal der Universität Leipzig sitzt eine Studentin neben einer 88-jährigen Gasthörerin in einer Geschichtsvorlesung. © dpa/picture alliance

Die Versicherer kalkulierten mit überhöhten Lebenserwartungen – so lautet ein häufig gehörter Vorwurf von Verbraucherschützern. Die Versicherungswirtschaft verweist hingegen auf die stetig steigende Lebenserwartung in der Bevölkerung. Doch dieser Trend droht sich in den Industrienationen offenbar umzukehren. Was dies für Auswirkungen auf die Lebensversicherung hätte, erfahren Sie hier.

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Der medizinische Fortschritt macht‘s möglich: Der Versicherungsverband GDV erwartet in Deutschland eine weiter steigende Lebenserwartung und hat diesem Thema eigens die groß angelegte Kampagne „7 Jahre länger“ gewidmet. Doch laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung (SZ) gibt es starke Anzeichen dafür, dass sich der Langlebigkeits-Trend in den Industrienationen umkehrt. Mögliche Gründe sind demnach: Ungesunde Lebensgewohnheiten der Menschen, häufig einhergehend mit Fettleibigkeit und damit verbundene Krankheiten.

Auch in Deutschland gebe es erste Anzeichen für eine mögliche Trendwende. Wie Roland Weber, Debeka-Vorstand und Chef der Deutschen Aktuarvereinigung, gegenüber der SZ berichtet, steigt die Lebenserwartung hierzulande seit 175 Jahren pro Jahrzehnt um zweieinhalb Jahre, nun scheine sich dieser Trend aber „etwas abzuschwächen“. Betrachte man nur 2016, falle die Restlebenserwartung von 65-Jährigen um ein halbes Jahr geringer aus als in den Vorjahren, so Weber. Diese Veränderung habe 2015 begonnen, schreibt die SZ, noch befänden sich die Werte aber im normalen Schwankungsbereich.

Doch was wäre, wenn sich tatsächlich eine nachhaltige Trendwende bei der Lebenserwartung ergibt? Die Auswirkungen wären drastisch, schreibt die SZ. Hintergrund: Lebens- und Rentenversicherer nutzen sogenannte Sterbetafeln, um zu kalkulieren, wie lange Versicherte voraussichtlich eine Privatrente erhalten.

Stimmen die Berechnungen nicht, käme es bei langlaufenden Versicherungsverträgen zu „Verwerfungen“. Würde zum Beispiel die durchschnittliche Lebenserwartung in Wahrheit viel geringer ausfallen als von den Versicherern angenommen, hätte der Kunde „viel zu viel für die Privatrente eingezahlt“, berichten die Autorinnen. „Verbraucherschützer werfen den Anbietern seit Langem vor, mit überhöhten Lebenserwartungen zu kalkulieren und so übermäßig hohe Sicherheitspolster zu ihren Gunsten aufzubauen.“

„Ein Nachlassen des Trends oder eine Trendumkehr haben wir noch nicht feststellen können“

Richard Herrmann, Chef der Beratungsfirma Heubeck, hält dagegen: „Ein Nachlassen des Trends oder eine Trendumkehr, wie sie aus Großbritannien berichtet wird, haben wir noch nicht feststellen können“, sagt er der Zeitung. So basierten die Richttafeln, die sein Haus erstellt, damit Unternehmen die notwendigen Rückstellungen für Betriebsrenten kalkulieren können, auf Statistiken der gesetzlichen Rentenversicherung. „Und da schreitet die Verlängerung der Lebenserwartung weiter voran“, so Herrmann.

Laut dem Bericht könnte eine sinkende Lebenserwartung bei Neuverträgen zu niedrigeren Prämien führen. Doch ob es in der Rentenversicherung tatsächlich etwas günstiger würde, könne man erst in mehreren Jahren sehen, zitiert die Zeitung Versicherungsmathematiker Weber. Bei laufenden Verträgen würden die Preise ohnehin nicht sinken. „Für die meisten bestehenden Verträge ergeben sich zunächst keine Auswirkungen“, so Weber.

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