Rentenpolitik denkt nicht an morgen Kaum Gegenwehr bei der jungen Generation

Studenten: Statt in Vorsorge investierten die jungen Menschen ihr Geld lieber in Freizeit und Bildung.
Studenten: Statt in Vorsorge investierten die jungen Menschen ihr Geld lieber in Freizeit und Bildung. © Getty Images

Mütterrente, Rente ab 63 und jetzt die Lebensleistungsrente. Die Bundesregierung steckt Milliarden in die Versorgung der Alten. Doch die Jungen wehren sich nicht. Wenn es um später geht, vertrauen sie höchstens auf sich selbst, wie eine Umfrage zeigt.

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Die Rentenvorhaben der großen Koalition haben eines gemeinsam, die aktuelle Generation der Rentner profitiert, die Kosten tragen die Jungen, denn sie müssen dieses Rentensystem mit ihren Beiträgen am Laufen halten. Sie werden ihren Ruhestand mit dem aktuellen Rentensystem kaum sorglos werden genießen können, berichtet welt.de. Schließlich funktioniert das Rentensystem umlagefinanziert, eingezahlte Beiträge werden sofort als Renten wieder ausgezahlt. Das funktioniert gut, wenn es viele Beitragszahler und vergleichsweise weniger Rentner gibt. Doch durch den demografischen Wandel kommt das System an die Belastungsgrenze. Von den aktuellen Rentengeschenken haben die Jungen später nichts mehr. Ein Grund zur Aufregung – möchte man meinen, spekuliert welt.de. Doch statt Widerstand und Eigeninitiative herrscht Sorglosigkeit.

Sozialwissenschaftler Klaus Hurrelmann weiß, warum das so ist. Alle drei Jahre befragt er Menschen zwischen 17 und 27 im Rahmen der MetallRente-Studie nach ihren Vorstellungen von der Altersvorsorge. „Dass die Jugend sich nicht gegen die aktuelle Rentenpolitik wehrt, hängt damit zusammen, dass sie sich grundsätzlich in diesem Staat wohlfühlt und nicht den Eindruck hat, irgendwie betrogen zu werden.“ Ein anderes wichtiges Argument für den Forscher: „Die überraschend positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt strahlt ab.“ Die junge Generation fühle sich offenbar sicher und sei optimistisch. In einem System, das grundsätzlich prosperiere, sieht sie einfach keinen Zwang zum Handeln.

Für die aktuelle Situation findet der Ökonom Bernd Raffelhüschen drastische Worte:  „Mütterente und die Rente mit 63 sind die Sündenfälle der großen Koalition", sagt er welt.de. Die geplante Lebensleistungsrente, also der Aufstockung der Altersrente für einen Teil der Arbeitnehmer, die 40 Jahre lang Beiträge gezahlt haben, sei ein weiterer. Die Zeche zahlen die Jungen. Rund zehn Milliarden Euro kosteten die von der großen Koalition 2014 beschlossene Mütterrente und Rente mit 63 bis 2030 jährlich – eine beachtliche Summe, die sich nur durch die Zusammensetzung der Wählerschaft erklären lässt. Mit 52,4 Prozent stellte die Gruppe der Über-50-Jährigen laut Statistischem Bundesamt schon bei der Bundestagswahl 2013 den Großteil der Wahlberechtigten.

Statt auf eine Wende hin zu einer nachhaltigen Rentenpolitik zu hoffen, sollten sich die jungen Menschen also lieber um ihre private Altersvorsorge kümmern. Das Problem: Es macht kaum einer. Nur 38 Prozent der 17- bis 27-Jährigen sorgen privat für ihr Alter vor, geht aus Hurrelmanns Studie hervor. „Sich langfristig ein individuelles Konzept zu überlegen, fällt den Jugendlichen extrem schwer“, sagt er. Schon gar bei dem unübersichtlichen Fördersystem der zusätzlichen Altersvorsorge, wie es in Deutschland vorherrscht. „Das Durcheinander entmutigt die Leute und führt zu Fatalismus.“ Das Gefühl, die Dinge nicht überblicken zu können, hätte sich nach der Finanz- und Wirtschaftskrise sogar noch verstärkt. Statt in Vorsorge investierten die jungen Menschen ihr Geld lieber in Freizeit und Bildung.
Pfefferminzia HIGHNOON