Pflege „Kunden wollen das Thema nicht hören“

Bernd Raffelhüschen, Professor für Finanzwirtschaft, auf dem PKV-Forum der Continentalen
Bernd Raffelhüschen, Professor für Finanzwirtschaft, auf dem PKV-Forum der Continentalen

Beim 14. PKV-Forum der Continentale in Köln diskutierten Experten aus dem Gesundheitswesen, der Wirtschaft und der Wissenschaft über Probleme und Lösungsansätze zum Dilemma in der Pflegeversicherung. In einem Punkt waren sich alle einig: Es muss etwas passieren.

| , aktualisiert am 11.11.2014 16:53  Drucken

Von Oliver Lepold

„Wir haben ein Altersproblem. Wenn Sie hier mit diesem Ausblick auf dem Podest stünden, würden Sie das auch sehen“, rief Bernd Raffelhüschen herzhaft in den mit rund 1.000 Besuchern nahezu voll besetzten Saal im Kölner Gürzenich. Die Hauptfrage seines Vortrags „Private Pflegevorsorge – kann ich der Demografie ein Schnippchen schlagen“ beantwortete der Professor für Finanzwirtschaft gleich lapidar mit „Nein.“

Die Continentale hat zum Thema Pflege außerdem eine Umfrage durchgeführt. Das Ergebnis können Sie hier nachlesen.

Die Lebenserwartung steigt, die Zahl der Pflegefälle insbesondere in den hohen Altersstufen ebenfalls, im Durchschnitt kostet die Pflege eines 90-Jährigen 6.000 bis 7.000 Euro im Monat – sieben Mal mehr als die Pflege eines 70-Jährigen, so Raffelhüschen. Den Beitragssatz der Pflegeversicherung, den Experten für das Jahr 2030 auf 4,5 Prozent veranschlagen, sieht der Experte eher bei 8 Prozent, da man den Status quo (gleichbleibende Kosten für die Pflegekräfte) nicht annehmen könne.

Ohne Pflege in der Familie geht es nicht

Ein soziodemografischer Faktor werde zudem gern übersehen: „Derzeit sind 30 Prozent der Pflegefälle stationär versorgt und 70 Prozent werden von der Familie gepflegt – dem Ehepartner, der Tochter oder der Schwiegertochter.“ Aufgrund der demografischen Verschiebung (weniger Kinder, mehr Scheidungen) kann man nicht davon ausgehen, dass dieses Verhältnis erhalten bleibt. Raffelhüschen: „Oder glauben Sie wirklich, dass Ihre Ex-Frau sie pflegt?“

Raffelhüschen kritisierte die 1989 eingeführte gesetzliche Pflegeversicherung als umlagefinanziertes System. Die Politik habe „einen Schleier der Unwissenheit vor offensichtlichen Tatsachen“ gezogen und die zuvor überwiegend kapitalgedeckte private Pflegevorsorge geschädigt. „Die Politik hat einen Generationenvertrag aufgesetzt, obwohl sie wusste, dass die Generation, die ihn erfüllen soll, gar nicht da ist“, so sein Credo. Zumal die ärmeren Schichten eben nicht von der Einführung der Pflegeversicherung profitiert haben. Statistisch gesehen sei vor allem der Mittelstand entlastet worden.

Zurück zur kapitalgedeckten Pflegeversicherung

Die aktuell geplanten Änderungen, die einen kleinen Teil der Pflegeversicherung wieder auf einen Kapitalstock stellen sollen, hält Raffelhüschen für unzureichend, einen hierfür staatlich verwalteten Kapitalstock für nicht sicher („Das ist so, als wenn sie einem Hund zwei Knochen hinwerfen und ihm sagen, einer ist für morgen“).

Sein Vorschlag, das System zu entlasten: Karenzzeiten. „Das erste Jahre der Pflege sollte jeder selbst bezahlen – für mehr als 80 Prozent der Betroffenen ist das problemlos möglich“, so Raffelhüschen. Nur die schweren und langwierigen Fälle sollten in die Obhut des Pflegesystems kommen.

Das von der Continentale organisierte PKV-Forum bot in mehreren Impulsvorträgen und zwei Diskussionsrunden (siehe Bilderstrecke) viele weitere aktuelle Aspekte rund um das Thema des drohenden Pflegenotstandes. Die Bedeutung und die Brisanz der zusätzlichen privaten Vorsorge in Sachen Pflege wurden dabei immer wieder dick unterstrichen.

Vermittler müssen zu Pflegethemen besser geschult werden

So berichtete in der abschließenden Diskussionsrunde etwa René Schneider, DV Deutsche Vorsorgedatenbank, dass die bestehenden Produkte der privaten Pflegeversicherung nicht das Problem sind. Warum also werden sie nicht besser abgesetzt? „Viele Vermittler schneiden das Thema ungern im Beratungsgespräch an“, so Schneider. Die Kunden wollten das Thema nicht hören, fühlten sich einfach nicht betroffen.

„Nur 3 Prozent verfügen tatsächlich über eine private Pflegezusatzversicherung“, erläutert Christoph Helmich, Vorstandsmitglied der Continentale, „aber 20 Prozent denken, sie hätten eine und wären ausreichend abgesichert“ – ein großes Kommunikationsproblem der Branche. Laut Helmich könnten Versicherungsmakler auf anderen Gebieten schneller zu einem Vertragsabschluss kommen. Hinzu kommt, dass sich viele Menschen eine extra Pflege-Absicherung einfach nicht leisten können.

Das Bewusstsein des Vertriebs für die Pflegeversicherung muss demnach geschärft werden, so die Experten. Auch das Fachwissen der Berater, so Schneider, sei in vielen Fällen noch verbesserungswürdig. Hier müssen auch die Produktgeber ansetzen, ebenso wie in der Kommunikation. J.-Matthias Graf von der Schulenburg, Expertenbeirat der Continentale: „Es entspricht nicht der Realität, dass Pflege immer wieder als Vorstufe zum Tod dargestellt wird. Es geht darum, eine möglichst hohe Lebensqualität im Alter zu erhalten – auch als Pflegefall.“

Die Continentale veranstaltet das PKV-Forum jedes Jahr im Herbst, zum nächsten Mal am 8. September 2015 in Köln.

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