Sind die deutschen Lebensversicherer für einen Zinsanstieg gerüstet? Diese Frage schwebt in Form einer dunkelschweren Wolke über den Köpfen der Besucher des MCC-Kongress „Lebensversicherung aktuell“, der Anfang Juni in Düsseldorf tagt. Was es für die Branche bedeuten würde, sollte das Zinspendel künftig mit Wucht in die andere Richtung ausschlagen, erklärt Kay Schaumlöffel, Abteilungsleiter Lebensversicherung und Kapitalanlage bei der Finanzaufsicht Bafin, dem Fachpublikum in seinem Vortrag.

Zunächst lobt er, dass die Lebensversicherer auf die langanhaltende Niedrigzinsphase klug reagiert hätten, indem sie „die Duration auf der Aktivseite erhöht haben, indem sie lang laufende Wertpapiere gekauft haben“. Es stellt sich die Frage, ob die Gesellschaften womöglich davon profitieren könnten, wenn es wieder rauf geht auf der Zinstreppe – oder überwiegen die Risiken?

Wann wird es für die Lebensversicherer schmerzhaft?

„Wenn die Zinsen steigen und insbesondere drastisch steigen, dann wirkt sich das auf die Ertragslage zunächst nicht positiv aus“, konstatiert Schaumlöffel. Denn höhere Kapitalerträge würden sich erst dann ergeben, wenn die Neuanlage ein entsprechend hohes Gewicht bekomme. Die Folge: Die Überschussbeteiligung werde „noch eine Zeitlang sehr niedrig bleiben“ – und das könne zu Probleme führen, warnt der Finanzaufseher. Zum einen gestaltet sich dann das verbliebene (wenngleich überschaubare) Neugeschäft mit der klassischen Lebensversicherung schwieriger, deutlich schwerwiegender wäre es allerdings, wenn ein Zinsanstieg zu erheblich mehr Stornierungen von Leben-Policen führen würde. Dem Kunden „eine Gesamtverzinsung zu versprechen, die niedriger ist als das, was man auf dem Tagesgeldkonto bekommt“, sei sicherlich ein Szenario, so Schaumlöffel, über das sich die Branche Gedanken machen müsse. So könnten sich viele Kunden fragen, ob es denn eine gute Idee sei, das Ersparte weiter in LV-Verträgen zu belassen.

Bei der Frage, wie hoch die Zinsen steigen müssten, damit es den deutschen Lebensversicherern „wehtut“, verweist Schaumlöffel zunächst auf eine Studie der Deutschen Bundesbank von 2015. Demnach würde ein Zinsanstieg von 210 Basispunkten ein „existenzbedrohendes Massenstorno“ auslösen. Doch dieser These will der Experte der Bafin nicht folgen. Denn zum einen unterstellt die Studie, dass sich die Kunden finanzrational verhielten, zum anderen gäbe es darin weitere „vereinfachte Annahmen“. Obendrein sei das Zinsniveau damals „deutlich höher“ als heute gewesen, merkt er an.

Bafin hält Gefahr eines existenzbedrohenden Massenstornos für gering

„Wir haben uns das angeguckt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Schwelle von 210 Basispunkten zu niedrig ist. Wir gehen davon aus, dass ein Zinsschock höher sein muss, um bedrohliche Effekte zu bewirken“, beschwichtigt der Bafin-Mann. Als Entwarnung dürfen die Lebensversicherer das aber nicht verstehen. Demzufolge besteht sehr wohl das Risiko, dass sich die Marktzinsen irgendwann zu stark abheben von dem, was noch von den Verträgen zu erwarten ist. „Da wird es Kunden geben, die ihre Verträge stornieren“, prognostiziert er –  und das werde der ein oder andere Versicherer auch zu spüren bekommen. Gleichwohl weist Schaumlöffel darauf hin, dass man zumindest in der Vergangenheit „keinen Zusammenhang von Zinsniveau und Stornovolumen“ habe feststellen können.