Kommentar Im Land der Finanz-Analphabeten

Das niedrige Zinsniveau und die fehlende Investmentkultur in Deutschland bedrohen die Altersvorsorge, meint Thomas Böckelmann, Chef der Gesellschaft für Vermögensbetreuung Veitsberg in Ravensburg.

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Von Thomas Böckelmann

Das Wehklagen über das niedrige Zinsniveau für die eigenen Spareinlagen und Tagesgelder ist Ausdruck des Finanzanalphabetismus in unserem Land. Die Beweise dafür finden sich in den Monatsberichten der Deutschen Bundesbank sowie in der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung.

70 Prozent des Geldvermögens sind vorwiegend in Bankeinlagen geparkt oder in Zinspapieren unterhalb der Inflationsrate angelegt. Die Leistungsbilanzüberschüsse werden seit Jahrzehnten durch schlechte Geldanlagen in Form von Steuersparmodellen oder exotischen Anlagen in Teilen verschenkt. Im Ausland hat dies den Begriff vom „Dumb (dämlich) German Money" geprägt.

„Dämliches Deutsches Geld"

Gleichzeitig erzielen ausländische Investoren mit deutschen Aktien seit Jahren hervorragende Renditen. Leider geht diese Entwicklung an den risikoaversen deutschen Anlegern völlig vorbei – nur 5 Prozent haben Aktien oder Aktienfonds in ihrer Vermögensanlage. Es sind somit nicht nur die niedrigen Zinsen, die für eine zunehmend schwierige Altersvorsorge verantwortlich sind – im Wesentlichen ist es die fehlende Investmentkultur.

Niedrige Zinsen sind Ausdruck des internationalen Vertrauens in Deutschland als sicheren Hafen sowie Folge der künstlich niedrigen Zinsen in der Eurozone im Rahmen der Rettungsmaßnahmen für die Peripherie. Die Politik kann sich angesichts der gegebenen Überschuldung ein höheres Zinsniveau faktisch nicht leisten.

Wenn Deutschland plant, im Jahr 2015 einen ausgeglichenen Haushalt vorzulegen, bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Seit 1969 geben die deutschen Regierungen jedes Jahr mehr aus als sie einnehmen. Der Hinweis, die Überschuldung sei Folge der Finanzkrise, ist angesichts dieser traurigen Tatsache ein schauriges Märchen.

Sparen = weniger neue Schulden?

Der politische Sparbegriff in der Eurozone ist entartet. Unter „Sparen" wird verstanden, weniger neue Schulden zu machen. Gleichzeitig wird solides ordentliches Wirtschaften als ungerecht verurteilt. In der Konsequenz werden mit der Rente ab 63, dem Zugriff auf die Sozialkassen zur Staatsfinanzierung, der Teilenteignung von Versicherungssparern sowie einer konzeptionslosen Anlegerschutzpolitik immer noch die völlig falschen Signale an die Anleger gesendet.

Folglich wird immer noch in großen Teilen der Bevölkerung ignoriert, dass mit Tagesgeld und der gesetzlichen Rente der Lebensunterhalt im Alter nicht mehr gesichert werden kann. Insbesondere die Rente dürfte für die nächste Generation kaum mehr leisten können als eine Mindestsicherung.

Mehrheit versteht das deutsche Rentensystem nicht

Erschreckend ist das Ergebnis einer Umfrage, nach der sechs von zehn Personen in Deutschland glauben, Einzahlungen in die Rentenversicherung würden für die Zukunft angelegt. Die Mehrheit weiß nicht, dass jeder Euro „Einzahlung" sofort an die bestehende Gemeinschaft der Rentner ausgezahlt wird. Tatsächlich bedeutet die „Einzahlung" nur einen Anspruch gegen zukünftige Generationen, deren Wert de facto unbestimmt ist. Es wird Zeit, sich dieser Realität zu stellen und eigenverantwortlich für das Alter vorzusorgen.

Deutschland als eines der wirtschaftlich stärksten Länder sowie die globalisierte Welt laden mit ihren Aktienmärken ein, sich an innovativen, wachstumsstarken Unternehmen zu beteiligen. Nur die Investition in Produktivkapital hat das Potential, die für das Alter erforderlichen Renditen zu verdienen. Natürlich sollte sich aber ein Engagement an der eigenen Risikotragfähigkeit orientieren.

Insofern scheint eine ausgewählte Mischung aus internationalen Aktien und internationalen Zinspapieren sowie einer Portion Gold eine solide Grundlage für den Aufbau und Erhalt eines Vermögens. Der Blick auf Zinsanlagen allein führt hingegen in die Sackgasse.

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