Diese Interview-Serie wurde uns freundlicherweise von Roger Peverelli, Reggy de Feniks und Walter Capellmann zur Verfügung gestellt. Sie sind Initiatoren der Digital Insurance Agenda, eine Veranstaltung, die mehrmals im Jahr mit hochkarätigen Rednern über aktuelle Trends in der Versicherungswirtschaft informiert. Die nächsten DIA Konferenzen finden im November 2019 in München und im Dezember 2019 in Hongkong statt.

Asiatische Anbieter wie Rakuten und Ping An schöpfen ein breites Spektrum an neuen Geschäftschancen aus, weil sie über die traditionellen Grenzen der Versicherungsindustrie hinausdenken. „Ökosysteme“ bilden den Kern ihrer Strategie. Welchen Vorteil haben diese?

Tom Van den Brulle: Im Zuge der Digitalisierung in den vergangenen fünf bis zehn Jahren haben wir gelernt, dass wir nicht mehr alles selber machen können. Ein Ökosystem bedeutet, alle Partner zusammenzubringen, die einen Beitrag zur Diskussion und Lösung eines bestimmten Problems leisten können. Wir müssen uns anders organisieren, um von anderen zu lernen und die Prozesse zu integrieren. Diese Partner können Unternehmen, aber auch Regierungsbehörden, Hochschulen und andere Einrichtungen sein. Die Quintessenz besteht darin, dass wir organisatorische Lösungen finden müssen, mit denen wir alle zusammenbringen können. Das ist ein Ökosystem.

Dann kommt es im Wesentlichen darauf an, über die traditionellen Branchengrenzen hinauszublicken, um die wahren Kundenprobleme zu lösen – nämlich die, die noch vor dem eigentlichen Versicherungsbedarf stehen?

Van den Brulle: Ich glaube, dass Kunden auf echte Werte, Vertrauenswürdigkeit und Auswahlmöglichkeiten achten. Sie suchen nach immer umfassenderen Service-Angeboten. Und die müssen Sie anbieten können. Diese Herausforderung lässt sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Die Frage ist, ob der Versicherungsblickwinkel der relevanteste ist. Das mag in einigen Fällen so sein. In anderen Fällen könnte ein anderer Blickwinkel relevanter sein. Wenn ein Kunde zum Beispiel einen Flug bucht, möchte er vielleicht auch noch eine Reiseversicherung, ein Hotel und einen Mietwagen dazu buchen. Die Herausforderung besteht darin, mithilfe von Technologie, aber auch mittels Partnerschaften mit den richtigen Anbietern, das Element Versicherung in die Flugreise zu integrieren. Das müssen Partner sein, die Zugang zu den Kunden haben und deren Vertrauen genießen. Darauf kommt es an.

Ausgehend von der zentralen Bedeutung vertrauenswürdiger Partner, welche Art Ökosystem stellen Sie sich für die Versicherungsbranche der Zukunft vor?

Van den Brulle: Da gibt es zwei Blickwinkel. Eine Perspektive ist die Fragmentierung der Wertschöpfungskette, die andere ist der Wert der Kundeninteraktion. Es sieht so aus, als würde sich die Wertschöpfungskette in der Versicherungsindustrie zunehmend fragmentieren. Wir haben nicht den einen Versicherer, der die gesamte Wertschöpfungskette vom Kapitalmarkt bis zum Versicherungsnehmer abdeckt. Die Wertschöpfungskette besteht eher aus einer ganzen Palette an unterschiedlichen Akteuren. Das sehen wir auch im Insurtech-Bereich, die unterschiedliche Konzepte und Wertprozesse zum Service-Angebot für den Endkunden beisteuern. Es wäre also wirklich spannend, wenn es eine Plattform gäbe, die all diese Experten und erstklassigen Leistungen zusammenführen würde. Der zweite Blickwinkel beginnt ganz offensichtlich mit der Frage, wer Zugang zum Kunden hat. Wer hat den direkten Kundenkontakt? Wer kann Vertrauen bilden und den Kunden ein so gutes Gefühl vermitteln, dass sie zurückkommen und weitere Service-Angebote in Anspruch nehmen?

Das hat offensichtlich Auswirkungen auf die Rolle, die Versicherungen in einem Ökosystem spielen sollten – insbesondere im Hinblick auf den Wunsch, die Fäden in der Hand zu halten wollen und das Ganze orchestrieren.

Van den Brulle: Ja, die Rolle kann variieren zwischen der übergeordneten Steuerung und der Position eines einfachen Verbindungsknotens. Viele neue Produkte und Service-Angebote werden rund um bestimmte Lebensereignisse gestaltet sein, zum Beispiel um die Eheschließung, den Hauskauf und die Geburt von Kindern. Folglich könnte sich die Rolle der Versicherungsunternehmen über das traditionelle Risikomanagement und die Abdeckung eines Versicherungsrisikos hinaus erstrecken.

Natürlich sollten die Versicherer definieren, welchen speziellen Mehrwert sie in einem Ökosystem bieten. Am besten eignet sich ein gemischter Ansatz, in dessen Mittelpunkt die gemeinsame Wertschaffung für Kunden steht, und vor allem natürlich Service-Angebote, die auf eine Risikominderung abzielen. Nehmen Sie Drover, eine Mobility-Service-Plattform, an der die Munich Re beteiligt ist. Über ein flexibles Abo-Modell vermietet Drover Privatkunden und Fahrern von Fahrgemeinschaften in Großbritannien Autos. Im monatlichen Paketpreis sind auch die Versicherung und weitere Zusatzleistungen enthalten. Oder ein zweites Beispiel: SaveUp ist eine digitale Finanzplattform zum einfachen Sparen und Investieren, die wir entwickelt haben und Erstversicherern als White-Label-Lösung zur Verfügung stellen.