In der Rentenphase Fonds statt Deckungsstock

Nur ein paar Versicherer ermöglichen ihren Kunden bisher auch in der Rentenphase ein Fondsinvestment – ein Modell, das Dank der demografischen Entwicklung aber enormes Potenzial birgt.

| , aktualisiert am 22.07.2015 09:07  Drucken

Menschen unterschätzen ihre eigene Lebenserwartung systematisch. Laut Jochen Ruß, Geschäftsführer des Instituts für Aktuarwissenschaften (Ifa) in Ulm, hat das auch einen ganz einfachen Grund. Sie gehen nämlich vom Todeszeitpunkt ihrer Eltern und Großeltern aus. Doch die Lebenserwartung steigt pro Jahrzehnt um zweieinhalb Jahre. „Das heißt, wir im Schnitt 15 Jahre länger als unsere Großeltern“, rechnet Ruß vor. Das Risiko, dass Menschen ihr Erspartes überleben, nimmt daher zu.

Natürlich gibt es klassische Rentenversicherungen, die eine lebenslange Rente garantieren, „aber die richten sich heute vorwiegend an eher risikoscheue Kunden“, findet Ruß. Auch bei Fondspolicen wird das Guthaben in der Regel zum Start der Rentenphase in den Deckungsstock des Versicherers umgeschichtet, und davon die Rente gezahlt.

Ein wenig mehr Schmackes darf es bei rund 20 oder 30 Jahren Rentenphase ruhig sein. Aktien- oder Fondsinvestments sind für viele Sparer wahrscheinlich wieder zu viel des Guten - und es besteht nach wie vor das Risiko, dass das Guthaben zu früh aufgezehrt wird.

Mischung aus Fondsinvestment und garantierter Rente

Die Mischung aus beiden Varianten – Fondsinvestment aus dem die garantierte Rente bezahlt wird – gibt es bereits (siehe Tabelle). „Da die Ertragsfrage durch die niedrigen Zinsen mehr und mehr in den Vordergrund rückt, sehen wir gute Chancen, unsere Renten-Versicherungen als Alternative zu klassischen Policen am Markt zu platzieren“, sagt Günther Soboll, Hauptbevollmächtigter von Canada Life Deutschland. Canada Life ist mit der Garantie Investment Rente bereits seit 2009 am Markt.


Der Versicherer Aegon hat die Secure DepotRente im vergangenen Jahr gestartet. Die Erfahrungen des Versicherers mit ähnlichen Produkten in den USA und Japan war so gut, dass der Versicherer nun auch in Deutschland angreifen will. „Nur etwa 50 Milliarden Euro des Vermögens, das deutsche Sparer bei Versicherern angelegt haben, wird verrentet“, sagt Torsten Haupt, General Manager bei Aegon in Deutschland. „Die restlichen 900 Milliarden Euro liegen unverrentet rum. Das Potenzial ist also riesig.“

Anbieter wie die Basler (Belrenta) und Allianz (Invest4Life) waren in diesem Segment mal aktiv, haben ihre Produkte aber wegen unternehmensinterner, strategischer Überlegungen oder wegen Marktgegebenheiten wieder eingestellt. „Die gegenüber dem Einführungsjahr 2008 veränderten Kapitalmärkte – insbesondere, was die Zinsen angeht – hätte eine deutliche Anpassung der Konditionen erforderlich gemacht“, heißt es von der Allianz.

Ein Fondsentnahmeplan mit dem gewissen Etwas

Was machen die Produkte nun? Erstmal funktionieren sie wie ein normaler Bank- oder Fondsentnahmeplan. Der Kunde investiert einen Einmalbeitrag in einen Fonds und erhält dafür eine feste monatliche Auszahlung. Unterschied Nummer 1 ist, dass diese Rente nur steigen oder gleich bleiben, aber nicht sinken kann, selbst wenn der Fondswert sinkt. Einzige Ausnahme: Der Kunde entnimmt Teile seines Vermögens, das verringert die Rentenbasis und damit auch die monatliche Rente.

Steigt der Fondswert aber, locken die Versicherer jedes Jahr neue Höchststände ein und berechnen daraufhin die neue Rente. Der zweite Unterschied ist die eigentliche Versicherungsleistung. Ist das Fondsguthaben aufgebraucht, zahlt der Versicherer die Rente weiter, bis der Versicherte stirbt. Dafür erhebt der Versicherer eine Garantiegebühr, die sich an der Rentenbasis orientiert - je größer das Guthaben des Kunden ist, desto höher ist auch die Gebühr.

Garantiepapiere müssen sich entgegengesetzt zum Markt entwicklen

Die Garantien sichern die Gesellschaften dabei über Derivate, genauer Futures und Swaps ab. Sie müssen sich genau entgegengesetzt zu den Aktien- und Anleihepapieren im Fonds entwickeln. Bricht der Fonds ein, steigen die Derivate im Wert – der Versicherer kann die Rente weiter zahlen. Diese Art der Garantiestellung hat aber Folgen. Erstens müssen die Märkte liquide sein, damit auch ausreichend Derivate zur Absicherung zur Verfügung stehen – exotische Märkte sind damit schon mal außen vor. Zweitens müssen die Fonds einigermaßen berechenbar sein. Das heißt, dass nur wenige Fonds zur Wahl stehen. Und dass die Produkte in sich schon Sicherheitsmechanismen bergen – was die Renditechancen tendenziell reduziert.

Welche Fonds kommen also zum Einsatz? Canada Life arbeitete zum Produktstart mit Fidelity zusammen, seit Dezember 2012 managt der hauseigene Asset Manager der Canada Life, Setanta, die Portfolios. Drei Varianten mit unterschiedlichen Risikoprofilen gibt es: CLE Portfolio Chance (Aktien- zu Anleiheanteil: 55 zu 45), CLE Portfolio Balance (35 zu 65) und CLE Portfolio Defensiv (20 zu 80). Umschichtungen sind einmal im Jahr von einem risikoreicheren in ein risikoärmeres Fondsportfolio kostenfrei möglich, umgekehrt geht das allerdings nicht – auch eine Folge des Produktdesigns.

Produktdesign schränkt Fondsauswahl ein

Schaut man sich die Portfolios genauer an, wird deutlich, dass sie aus zwei Fonds bestehen. Als Aktienteil dient der Setanta Core Equity Tracker Fund. Fondsmanager Kieran Dempsey kauft dafür ETFs auf amerikanische, britische, europäische und japanische Aktienindizes. Derzeit hat der S&P 500 ETF von State Street den größten Anteil mit 59,1 Prozent, gefolgt vom I-Shares DJ Eurostoxx 50 (14,9 Prozent), dem I-Shares FTSE 100 (12,1 Prozent) und dem Daiwa-ETF Topix (10,6 Prozent), der Rest ist in Cash investiert. 2013 hat der Fonds ein Plus von 23,6 Prozent erzielt.

Der Rententeil besteht aus dem Setanta Core Euro Bond Fund. David Ryan und Gary Edge managen den Fonds aktiv und kaufen hauptsächlich Staatsanleihen, besicherte Anleihen und Bonds internationaler Organisationen. Bis zu 10 Prozent dürfen sie auch in Unternehmensanleihen investieren. Tatsächlich besteht der Fonds aktuell aber komplett aus Staatsanleihen. Die Top-3-Positionen sind Unternehmensanleihen aus den Niederlanden (13,0 Prozent), Österreich (12,1 Prozent) und Finnland (8,9 Prozent). 2013 macht der Fonds ein Minus von 2,8 Prozent. Zusammengenommen stehen die Portfolios aber gut da. Die Performance des Chance-Portfolios lag seit Auflegung am 21. Dezember 2012 bei 10,0 Prozent, die des defensiven Depots bei 4,7 Prozent.

Reduzierung von Risiko ist ein wichtiges Ziel

Beim neuen Aegon-Produkt stellt Blackrock das Anlageherz. Das Aegon Portfolio Vol6 ist ein Mischfonds, der in europäische Aktien und Anleihen sowie Cash investiert – über ETFs, Futures und Index-Tracker-Fonds. „Der Reduzierung von Risiko kommt dabei eine besondere Bedeutung zu“, sagt Christian Machts, Retailchef für Deutschland, Österreich und Osteuropa bei Blackrock. „Das Ziel für die maximale Schwankungsbreite liegt bei 6 Prozent, dabei schauen wir uns rolliernde Zeiträume von jeweils 120 Tagen an.“

Täglich überprüfen die Fondsmanager, ob sich das Portfolio innerhalb der Risikoparameter bewegt. Droht ein Risiko zu steigen, reduzieren die Manager die Position kurzfristig. „Im Notfall können wir in ein bis zwei Tagen komplett aus Aktien rausgehen“, so Machts.

Seit Auflegung des Fonds Anfang Juli 2013 hat der Fonds nach Kosten ein Plus von 7,8 Prozent erzielt. Das Ziel, mehr Rendite als eine klassische Lebensversicherung zu bieten, scheinen die Produkte also zu erfüllen. Wobei die Renditechancen gegenüber reinen Fondsinvestments gedeckelt sind und Sparer auch keine wirkliche Wahl bei den Fondsprodukten haben. Und günstig sind die Produkte auch nicht gerade. Aber sie sind eben eine treffliche Antwort auf ein demografisches Problem, dem sich bisher nicht viele Anbieter angenommen haben. Noch nicht.

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