Christian Wiens ist Chef und Gründer des digitalen Versicherers Getsafe. © Gestafe
  • Von Lorenz Klein
  • 26.03.2020 um 12:55
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Christian Wiens, Gründer des digitalen Versicherers Getsafe, hatte die Entwicklungen um das Coronavirus jüngst als „Brandbeschleuniger für Insurtechs“ beschrieben. Im Interview mit Pfefferminzia erklärt er, wie er das genau meinte, warum es schon in wenigen Jahren keinen Maklernachwuchs mehr gebe und ob die Pandemie ein „Wake-up call“ für die traditionellen Versicherer sei.

Pfefferminzia: Herr Wiens, in einem Gastkommentar, den Pfefferminzia am 13. März veröffentlicht hatte, sagten Sie unter anderem, dass die Corona-Krise unterstreiche, wie groß der technologische Vorsprung von Insurtechs gegenüber traditionellen Versicherern sei. Wie genau äußert sich der vermeintliche Vorsprung?

Christian Wiens: Das fängt bereits damit an, dass unsere Policierungs- und Schadensprozesse 100 Prozent digital sind. Menschen sind jetzt viel mehr am Handy und PC – und genau da sind wir auch. Unser Kundenservice arbeitet seit zwei Wochen von zuhause aus, ohne dass Kunden irgendeine Veränderung bemerken.

Zudem profitieren wir von unserem digitalen Vertrieb: Wir sind nicht auf Makler oder Vermittler angewiesen und bauen auf eine starke technologische Infrastruktur, die es uns ermöglicht, unser Tagesgeschäft fortzusetzen. Sämtliche Abstimmungen oder Bewerbungsgespräche führen wir digital. Letzte Woche haben wir gleich mehreren Personen einen Vertrag angeboten und auch wie geplant unsere neue Hundehalterhaftpflicht auf den Markt gebracht. Das klingt sehr einfach, aber für traditionelle Versicherer ist das sehr viel schwieriger.

Sie sprachen außerdem davon, dass man die Entwicklung um das Coronavirus auch als „Brandbeschleuniger für Insurtechs“ bezeichnen könne. Das klingt sehr martialisch. Ist daraus etwa zu folgern, dass Insurtechs den traditionellen Versicherern den Rang ablaufen werden?

Natürlich werden die traditionellen Versicherer nicht über Nacht in Konkurs gehen; und es wird dauern, bis Insurtechs signifikante Marktanteile vorweisen werden. Die größten globalen Versicherungsunternehmen haben Jahresumsätze von jeweils weit über 100 Milliarden Dollar, das entspricht mehr als dem Doppelten des Umsatzes von Facebook im Jahr 2018.

Bis Insurtechs sich annähernd in dieser Größenordnung bewegen, werden Jahre vergehen. Doch ich glaube daran, dass sie es mit traditionellen Versicherungsunternehmen aufnehmen können. Etablierte Unternehmen brauchen nicht nur einen technologischen Wandel, sondern vielmehr einen Mentalitätswandel. In fünf Jahren findet das Maklergeschäft keinen Nachwuchs mehr, in zehn Jahren stehen mittelständische Versicherer vor existenziellen Schwierigkeiten, in 20 Jahren hat keiner mehr Policen aus Papier im Schrank stehen. Die Coronavirus-Pandemie könnte diesen digitalen Wandel massiv beschleunigen.

Besteht nicht umgekehrt die Gefahr für Unternehmen wie Getsafe, dass die Krise eine Art „Wake up call“ für Versicherer und Vermittler darstellt, so dass diese in Sachen digitale Prozesse sehr schnell dazulernen werden – ihnen Ihr Geschäftsmodell also streitig machen?

Nein, diese Gefahr sehe ich nicht. Die Notwendigkeit, Prozesse zu digitalisieren und neuen Kundenerwartungen gerecht zu werden, gibt es ja nicht erst seit der Corona-Pandemie. Schon seit Jahren arbeiten zahlreiche Versicherer daran, ihre Geschäftsmodelle zu digitalisieren, und bauen entweder eigene Einheiten auf oder kooperieren mit Insurtechs. Viele haben die Zeichen der Zeit erkannt, doch die Lösungen lassen auf sich warten. Insurtechs haben ihre IT-Infrastruktur von Anfang an auf der grünen Wiese gebaut und sind dadurch viel agiler.

Der Versicherungsmakler Bastian Kunkel sagte am Dienstag auf der MMM Messe digital, dass bei den Versicherern in der Corona-Krise nun beispielsweise das Thema rechtssichere digitale Unterschrift verstärkt vorangetrieben werde – und jene Versicherer, die dies unterließen, vom Markt verschwinden würden. Wie schätzen Sie das ein?

Es ist richtig, dass solche Detailentwicklungen beschleunigt werden können. Wer aber heute noch anfängt über digitale Unterschriften zu diskutieren, hat die Signale vor fünf Jahren schon nicht gehört. An digitalen Unterschriften wird allerdings sicher nicht die Existenz eines Versicherers abhängen, es ist lediglich eines von vielen Symptomen.

Der Zukunftsforscher Matthias Horx schaute kürzlich in seiner „Re-gnose“ aus dem Herbst 2020 auf heute zurück. Eine Erkenntnis lautet: „Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus.“ Stimmen Sie dem zu? Welche Kernmerkmale würde Ihre „Re-gnose“ beinhalten?

Dieser Erkenntnis stimme ich zu, und ich sehe darin eine große Chance. Unter dem Stichwort „New Work“ wurde im vergangen Jahr viel über das „neue Arbeiten“ im digitalen Zeitalter diskutiert. Mittlerweile hat uns die Realität eingeholt: Universitäten stellen den Vorlesungsbetrieb auf Online-Seminare um, Konferenzen und Besprechungen finden in virtuellen Räumen statt, sogar Radio-Moderatoren senden aus dem Homeoffice.

Es ist zu hoffen, dass Unternehmen und Organisationen ihrer Belegschaft weiterhin ein dezentrales, mobiles, selbstbestimmtes Arbeiten ermöglichen. Aber natürlich bleibt der persönliche Kontakt mit Kolleginnen und Kollegen extrem wichtig. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das wird in dieser Zeit deutlicher denn je. Insofern würde ich die Re-gnose von Matthias Horx ergänzen wollen: Digitale Möglichkeiten bereichern unseren Arbeitsalltag, werden persönliche Gespräche vor Ort jedoch nicht dauerhaft ablösen, sondern nur ergänzen.

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Lorenz Klein

Lorenz Klein ist seit Oktober 2019 stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Dem Pfefferminzia-Team gehört er seit Oktober 2016 an.

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