Sven Gábor Jánszky leitet den Thinktank 2bAhead, ist Autor und Speaker. © Joerg Glaescher
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  • 16.09.2020 um 12:00
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Auf welche Veränderungen müssen sich Patienten und Ärzte, Versicherungen und Makler in den kommenden zehn Jahren einstellen? Welche Möglichkeiten und Herausforderungen bringen neue Technologien? Zukunftsforscher Sven Gábor Jánzsky erklärt, was bis 2030 auf uns zukommt.

Pfefferminzia: Herr Jánszky, was ist die drastischste Veränderung, auf die wir uns im Gesundheitsbereich in den nächsten zehn Jahren einstellen müssen?
Sven Gábor Janszky: Den wichtigsten Trend wird voraussichtlich die Gen-Analyse setzen. Wir rechnen damit, dass die vollständige Analyse des individuellen Erbgutes, des sogenannten Genoms, nicht mehr als 100 Dollar kosten und damit massentauglich sein wird. Später werden die Kosten sogar noch weiter sinken, bis auf wenige Dollar.

Warum ist dieser Trend so gravierend?
Weil sich dadurch der Charakter der medizinischen Versorgung fundamental ändert. Wer weiß, welche Krankheiten bei ihm genetisch angelegt sind, wird versuchen, sich soweit es geht dagegen zu wappnen. Hier kommt das Mikrobiom, der Bakterienmix im Darm, ins Spiel. Er ist bei jedem Menschen anders. Experten haben herausgefunden, dass ein optimaler Mix die Wahrscheinlichkeit für den Ausbruch von genetisch angelegten Krankheiten deutlich verringert. Das wiederum lässt sich durch sogenanntes Medical Food gut beeinflussen. Also durch Nahrungsmittel, die mit bestimmten Zusatzstoffen wie Vitaminen oder Mineralstoffen angereichert sind. Zur Aufrechterhaltung des idealen Mikrobioms tragen aber auch smarte, digitale Anwendungen bei. Zum Beispiel „intelligente“ Toiletten, die Ausscheidungen mittels Sensoren analysieren und die Daten aufs Smartphone oder den PC des Nutzers weiterleiten. Weichen die Daten vom Idealmix ab, kann er darauf reagieren – lange bevor er krank wird. Kurz gesagt: Die Medizin wandelt sich vom Reparatur- zum Gesunderhaltungsbetrieb.

Welche Rolle spielen neue, digitale Technologien?
Eine immense. Im Gesundheitsbereich werden künftig viel mehr Akteure mitspielen als heute. Sie alle bilden eine Art „Gesundheitsnetz“, das um den Menschen herumgesponnen ist. Dazu werden nicht nur Ärzte, Apotheken, Krankenversicherungen und Makler gehören, sondern auch die unterschiedlichsten Hersteller von smarten Geräten und Sensoren, die kontinuierlich erfassen, was gerade im Körper passiert, welche Gesundheitsrisiken entstehen. Schon heute gibt es ja beispielsweise intelligente Matratzen, die das Schlafverhalten analysieren und somit Informationen liefern, mit deren Hilfe sich Schlafstörungen behandeln lassen. Generell wird es in Zukunft weniger darum gehen, kranke Menschen zu heilen, sondern schon erste kleine Abweichungen vom Idealzustand zu erkennen und auszugleichen – ein permanenter Gesundheits-Check in Echtzeit, abrufbar auf jedem Handy.

Klingt beeindruckend. Was bedeutet das für Versicherungsunternehmen?
Die Frage ist: Wenn der Kunde von einem Gesundheitsnetz aus vielen, vielen Akteuren umgeben ist – wer sitzt dann in der Schlüsselposition, dieses Netz zu koordinieren? Das können Ärzte sein, aber auch Unternehmen wie Google oder Nahrungsmittelkonzerne. Für Versicherer wird es darauf ankommen, sich selbst zum Koordinator dieses Gesundheitsnetzes zu machen, also die Daten ihrer Kunden auswerten, verwalten und weitergeben zu können. Dazu ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen, und zwar nicht nur im Bereich Datensicherheit. Kunden müssen überzeugt sein, dass ihr Versicherungsunternehmen die Daten sinnvoll nutzt, um Krankheiten zu verhindern und letztlich die Lebensdauer zu verlängern. Versicherer müssen sich also vom „Schadensregulierer“ zum kompetenten Schadensverhinderer wandeln.

Wie stellen sich Makler am besten auf diese neue Situation ein?
In einem ausgebauten, vollständig datenbasierten Gesundheitsnetzwerk spielt der Makler vermutlich keine große Rolle mehr. Dennoch hat er aus meiner Sicht zwei Chancen: Zum einen kann er beim Aufbau des Netzes helfen. Seine Hauptaufgabe wird dann nicht mehr darin bestehen, Versicherungen zu verkaufen, sondern für seine Kunden die besten Apps, die modernste Gesundheitssoftware zu recherchieren. Welche Sensoren sind für welchen Zweck am geeignetsten? Welche smarten Geräte zur Erfassung von Gesundheitsdaten sind aktuell auf Markt? Die zweite Chance sehe ich darin, sich als eine Art Gesundheitscoach zu positionieren, also den Kunden kontinuierlich bei der Nutzung aller digitalen Möglichkeiten zu unterstützen, Vorträge anzubieten, Gesundheitskurse zu veranstalten und Ähnliches. Makler werden auch in Zukunft viel tun können. Von dem, was sie heute tun, wird es aber voraussichtlich weniger sein.

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René Weihrauch arbeitet seit 35 Jahren als Journalist. Einer seiner Schwerpunkte sind Finanz- und Verbraucherthemen. Neben Pfefferminzia schreibt er für mehrere bundesweit erscheinende Zeitschriften und international tätige Medienagenturen.

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