Jens Arndt ist Vorstandsvorsitzender der My Life Lebensversicherung. Das Göttinger Unternehmen ist seit diesem Jahr Teil der Ideal-Versicherungsgruppe und ist auf das Honorar- und Nettogeschäft spezialisiert. © My Life
  • Von Lorenz Klein
  • 04.10.2022 um 11:32
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„Das Umfeld im Versicherungsgeschäft hat sich im laufenden Jahr stark verändert“, sagt Jens Arndt, Chef des Lebensversicherers My Life – denn hohe Inflation und Energiekrise veränderten das Spar- und Investmentverhalten der Verbraucher. Was er damit genau meint und was ihn an der ESG-Abfragepflicht im Beratungsgespräch nervt, erklärt Arndt in seinem Gastkommentar.

Das Umfeld im Versicherungsgeschäft hat sich im laufenden Jahr stark verändert: Die hohe Inflation und die steigenden Energie- und Lebensmittelkosten haben Auswirkungen auf allen Ebenen. Auch das Spar- und Investmentverhalten der Verbraucher verändert sich.

Eher Beitragspause als Storno zu beobachten

Aktuell spielt dabei auf Kundenseite die Flexibilität bei der Kapitalanlage eine noch größere Rolle. Viele Kunden müssen aufgrund der bereits skizzierten Entwicklung auf ihre Ausgaben schauen. In der Regel entscheiden sie sich aber, ihre Verträge nicht zu stornieren, sondern die Möglichkeit zu nutzen, ihre monatlichen Beiträge zu reduzieren. Diese Flexibilität erweist sich im Vertrieb als großer Pluspunkt, der von Beratern und Kunden sehr geschätzt wird.

Wenn Anleger wissen, dass sie auch mal aussetzen können, ist die Chance wesentlich größer, den Beitrag später wieder zu aktivieren, als nach einer vollständigen Kündigung. Das ist auch in der Beratung zur Altersvorsorge ein zentrales Argument. Das Leben verläuft individuell sehr unterschiedlich und die Möglichkeit zur Anpassung an die jeweilige Lebenssituation – ob verheiratet, alleinerziehend, in Patchwork-Konstellationen und in allen denkbaren anderen Situationen – ist wesentlich.

Im Versicherungsgeschäft beobachten wir einen Generationswechsel auf der Kundenseite. Die jüngeren Kunden schauen stärker auf das Thema Nachhaltigkeit. Allerdings hat die Lage rund um den Krieg in der Ukraine die Prioritäten derzeit verschoben. Angesichts der Inflation sowie steigender Lebenshaltungskosten tritt das Thema Nachhaltigkeit kurzfristig etwas in den Hintergrund. Vielmehr beschäftigt die Verbraucher, ob durch den Krieg etwas mit ihrem Depot passiert und ob das Geld noch sicher angelegt ist. Ohne Zweifel ist aber die Nachhaltigkeit das zentrale Zukunftsthema, denn immer mehr Menschen haben angesichts der klimatischen Veränderungen und des extrem trockenen Sommers verstanden, dass es höchste Zeit ist, zu handeln.

Die Regulatorik ist dabei Katalysator und Hemmschuh zugleich. Manchmal braucht es wie schon beim Rauchen ein exogenes Verbot, da viele Menschen nicht bereit sind, ihr Verhalten freiwillig zu ändern. Allerdings hätten wir uns gewünscht, dass die regulatorischen Maßnahmen hin zu einer ESG-konformen Kapitalanlage besser durchdacht und geprüft worden wären. Die Regulierung zum Thema Nachhaltigkeit ist derart komplex und schwer verständlich, dass sie sich dem breiten Publikum kaum von allein erschließt.

Schrittweise Umsetzung von Beratung und Informationspflichten unglücklich

Seit dem 2. August 2022 ist in der Beratung das Thema Nachhaltigkeit für die Versicherungsbranche verpflichtend, während die Fondsindustrie noch bis zum 1. Januar 2023 Zeit hat, ihren Informationspflichten nachzukommen. Als Konsequenz liegen bislang nicht von allen Fondsgesellschaften die entsprechenden ESG-Informationen ihrer Fonds vor. Das war aus unserer Sicht unglücklich, da Versicherungsvermittler bereits verpflichtet sind, in der Beratung zum Beispiel einer Fondspolice die Nachhaltigkeit zu berücksichtigen, obgleich die notwendigen ESG-Daten auf Fondsseite nicht immer vorliegen.

Von den annähernd 9.000 Fonds auf unserer Plattform entsprechen aktuell mehr als 3.000 den verschiedenen ESG-Kriterien. Hier ist seitens der Fondsanbieter aber noch sehr viel zu tun. Gleichzeitig befassen sich viele unserer Honorar-Finanzberater schon seit einigen Jahren mit dem Thema Nachhaltigkeit und waren somit gut auf die neuen Pflichten vorbereitet.

In der Praxis dürfte das Beratungsgespräch durch die Verpflichtung zur Nachhaltigkeit künftig wesentlich länger dauern, da die Kunden zu vielen neuen Themen befragt und informiert werden müssen. Wenn alle Kriterien der Nachhaltigkeit erfüllt sein wollen, finden Anleger aktuell noch eine deutlich geringere Auswahl an Fonds – worunter letztendlich die Diversifikation leiden könnte.

Der Fokus auf die Nachhaltigkeit bei der Kapitalanlage dürfte sich auch auf die Kosten der Fonds auswirken, weil sich das Research für die nachhaltigen Produkte aufwendiger gestaltet. Kosten bei den ESG-ETFs können zudem etwas höher als bei den normalen ETFs sein. Dem Kostenaspekt bei der Kapitalanlage wird dadurch eine noch größere Bedeutung zukommen. Hier sehen wir uns als Anbieter transparenter und kostengünstiger Nettofondspolicen in einer guten Wettbewerbsposition.

Digitalisierung macht das Versicherungsgeschäft nachhaltiger

Neben einem nachhaltigen Angebot für unsere Kunden ist es unser Ziel, das eigene Unternehmen nachhaltiger aufzustellen. Dabei ist die Digitalisierung ein zentrales Element. Digitale Prozesse leisten bereits einen großen Beitrag zur Nachhaltigkeit, indem sie beispielsweise Personalressourcen einsparen helfen. Personal einzusparen mag in Verbindung mit Nachhaltigkeit zunächst irritierend klingen. Allerdings können freie Ressourcen häufig an anderer Stelle im Unternehmen effizienter und damit nachhaltiger eingesetzt werden. Zudem ist Wachstum durch die Digitalisierung besser skalierbar und erfordert nicht in gleichem Maße, Personal aufzubauen.

Auch die Kundenkommunikation gewinnt durch die Digitalisierung an Effizienz – Kundenportal statt Schriftverkehr. Nur noch 28 Prozent unserer Kundenkommunikation läuft per Papier, der Rest wird digital erledigt – davon überzeugen wir immer mehr Kunden. Auf diese Weise haben wir unser Ziel, die papierhafte Kommunikation unter 50 Prozent zu drücken bereits übertroffen und verzeichnen derzeit schon eine Quote von unter 30 Prozent. Die daraus resultierenden Kostenvorteile geben wir auch an unsere Kunden weiter. Wichtig anzumerken ist, dass wir dabei immer alle Risiken, die mit der Digitalisierung verbunden sein können, vor allem die Gefahren der Cyberkriminalität, im Blick haben.

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Lorenz Klein

Lorenz Klein ist seit 2019 stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Dem Pfefferminzia-Team gehört er seit 2016 an.

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