Marc C. Glissmann ist einer der beiden geschäftsführenden Gesellschafter und Mitbegründer der infinma Institut für Finanz-Markt-Analyse GmbH. © infinma
  • Von Oliver Lepold
  • 26.07.2021 um 10:44
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Was will die neue Branchen-Initiative Nachhaltigkeit konkret erreichen? Initiator Marc C. Glissmann, geschäftsführender Gesellschafter des Infinma Instituts für Finanz-Markt-Analyse, spricht im Interview über die Bedeutung nachhaltiger Versicherungsprodukte und warum es für Makler so wichtig ist, alle Informationen zum Thema gebündelt auf einer Seite abrufen zu können.

Pfefferminzia: Warum wird das Thema Nachhaltigkeit die nächsten Jahre in der Assekuranz beherrschen?

Marc Glissmann: Die Entwicklung wird fundamental von der Politik geprägt. Der ‚European Green Deal’ der EU-Kommission zielt darauf ab, die gesamte Volkswirtschaft der Europäischen Union schrittweise klimaneutral umzugestalten, eine nachhaltige Finanzwirtschaft ist Teil davon. Banken, Versicherer und Fondsgesellschaften müssen ihre Produkte und Portfolien nachhaltig gestalten. Und gleichzeitig Druck auf Kunden und Partner ausüben, ihnen dabei zu folgen. Bis 2030 werden dazu jedes Jahr neue Regulierungen kommen. Spätestens 2035 wird es keine nicht mehr nachhaltigen Finanzprodukte geben.

Wie ist die Branchen-Initiative Nachhaltigkeit entstanden?

Wir haben uns seit vielen Jahren als Analyse- und Beratungsunternehmen mit dem Thema Nachhaltigkeit in der Lebensversicherung beschäftigt. Mittlerweile gibt es dazu gute Informationen und Materialien, die allerdings extrem verstreut sind. Wir bündeln diese mit der Branchen-Initiative aus dem Blickwinkel der Lebensversicherung und stellen dies sortiert dem Makler auf einen Blick zur Verfügung. Zum Beispiel das Thema Regulierung, die Begrifflichkeiten der Nachhaltigkeit, aber auch Hinweise, wie nachhaltige Versicherungsprodukte heute bereits aussehen.

Was ist das erklärte Ziel der Initiative und was haben Sie bereits erreichen können?

Ziel ist die Aufklärung und Information der Branche mit einem Schwerpunkt auf dem Vertrieb. Denn der Vermittler muss das Thema Nachhaltigkeit zum Endkunden transportieren und dort nachhaltige Produkte abschließen. Das funktioniert aber nur, wenn er genau weiß, wie Nachhaltigkeit zu definieren ist, wie ein solches Produkt aussehen muss und was der Kunde am Ende davon hat. Noch zeigen die meisten Endkunden allerdings wenig Interesse, sich selbst mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinander zu setzen.

Wer ist Mitglied?

In der Startphase haben wir uns auf Lebensversicherer konzentriert, mittlerweile haben wir 26 Mitglieder in verschiedenen Rechtsformen. Nun dehnen wir das Thema auf Kapitalanlagegesellschaften aus. Wir haben etwa Franklin Templeton gewinnen können. Wir arbeiten auch mit Ratingagenturen zusammen, denn es geht auch darum, wie man Nachhaltigkeit messbar machen kann. Dazu benötigen wir Maßstäbe, daher werden Ratings noch mehr an Bedeutung gewinnen.

Welche Rolle spielt die Regulierung der EU Ihrer Ansicht nach in diesem Bereich?

Die Politik ist ein Trendsetter und ein wesentlicher Treiber. Das korrespondiert mit dem Bewusstsein vieler Menschen, dass es so mit der Welt nicht weitergehen kann. Gleichzeitig ist die Politik aber auch ein Hindernis, weil sie Standards setzen will, was aber nicht widerspruchsfrei gelingt – zum Beispiel bei Greenbonds, die laut EU zur Finanzierung nachhaltiger Ziele dienen sollen. Für Frankreich etwa gehört Atomstrom dazu, weil der CO-neutral erzeugt wird. In Deutschland sieht man das anders. Fondsmanager müssen mit solchen offenen Widersprüchen umgehen. Da steht sich die Regulierung noch selbst auf den Füßen.

Wie geht Ihrer Ansicht nach der Markt mit der Transparenzverordnung um?

Bei manchen Anbietern finden Sie im Internet eigene ESG-Karteikarten, die genau beschreiben, was der Versicherer tut und wie die Produkte reagieren. Bei anderen gibt es nur schmallippige Aussagen, die lediglich die gesetzlichen Vorgaben erfüllen. Leider wurde die Transparenzverordnung oft falsch verstanden. Sie ist nicht dazu da, das Verhalten des Versicherers zu ändern. Es ging darum, ein Bewusstsein für Risiken zu schaffen und nach außen hin zu kommunizieren, was man tut. Da gibt es riesige Unterschiede bei den Versicherern. Und dies bereiten wir auf für den Makler.

Welchen konkreten Mehrwert bringt Ihre Initiative dem Vermittler?

Wir bieten mehrere Informationskanäle und ganz praktische Hilfen. Einmal unsere Website www.branchen-initiative.de. infinma hat zudem den ESG-Finder konzipiert. Mit diesem Tool finden Makler heraus, welche Produkte überhaupt in der Lage sind, nachhaltig zu werden und welche nachhaltigen Fonds die Versicherer anbieten. Makler können zudem danach suchen, mit welchen Versicherern sie einen bestimmten Fonds besparen können. Ein monatlicher Newsletter mit aktuellen Themen per E-Mail rundet das Angebot ab.

Sie veranstalten am 29. Juli einen Online-Kongress. Was dürfen Teilnehmer erwarten?

Der Kongress richtet sich ganz bewusst an Vermittler, die das Thema beim Kunden erklären wollen und sollen. Wir möchten ihnen zeigen, wo die Lebensversicherung zum Thema Nachhaltigkeit in 2021 steht. Einige Mitglieder der Branchen-Initiative stellen ihre eigenen Lösungen vor, wir haben aber auch bewusst Wissenschaftler eingeladen und den Versicherungsverband GDV, zudem wird ein Mitglied des Sustainable Finance Beirats der Bundesregierung referieren. Wir bieten ein breites Themenspektrum, aus dem sich Vermittler heraussuchen können, was sie besonders anspricht. Vielleicht sind es neue nachhaltige Fondskonzepte oder biometrische Absicherungen mit Nachhaltigkeitscharakter oder die Frage, wo fährt der Zug der Regulierung hin? Wir bieten damit für möglichst viele Menschen ein breites Informationsangebot.

Informationen zum Online-Kongress finden Sie hier.

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Oliver Lepold

Oliver Lepold ist Dipl.-Wirtschaftsingenieur und freier Journalist für Themen rund um Finanzberatung und Vermögensverwaltung. Er schreibt regelmäßig für Pfefferminzia und andere Versicherungs- und Kapitalanlage-Medien.

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