Der KVProfi kommentiert Baustelle PKV

Thorulf Müller gilt als einer der härtesten und ehrlichsten Kritiker der Krankenversicherungsbranche. Seine Kommentare sind gefürchtet, aber fundiert. Jetzt gibt’s den KVProfi ungekürzt und in Farbe auch auf Pfefferminzia.de. Dieses Mal rechnet Müller mit dem PKV-Verband ab.

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Von Thorulf Müller

Da war ich doch erstaunt, als im am 19. Februar 2014 einen Artikel in der Ärztezeitung lesen musste, der folgenden Tenor hatte:

  • Die PKV soll zukunftsfest werden
  • Schutz der Versicherten vor finanzieller Überforderung
  • Die Branche ruft auch nach dem Gesetzgeber
  • Erweiterung der “Sozialfunktion” des Standardtarifs
Im Einzelnen:
Die Branche steht schon länger unter Beschuss von Verbraucherschützern und Politikern, weil Anbieter nach wie vor Kunden ihr gesetzlich verbrieftes Wechselrecht erschweren.
Das, lieber Herr Dr. Leienbach, war übrigens Anfang der neunziger Jahre der Grund dafür, dass der Gesetzgeber, auf Druck von außen hin, den Paragrafen 178f VVG aF geschaffen hat. Der Gesetzgeber hat auf Druck von außen die PKV gezwungen, endlich das zu tun, was sich auch gehört hätte! Das ist mehr als 20 Jahre her.

Trotz eines eindeutigen Gesetzes schreiben PKV-Versicherer noch heute absurde Briefe mit defintiven Falschaussagen und gehen damit sogar vor Gericht. Einige bemühen sogar Unternehmensberater, damit sie Gutachten bekommen, aus denen sie ableiten, dass ein Tarifwechsel langjährig versicherter Kunden in für den Neuzugang geschlossene Tarife unzulässig sein soll!

Und Sie sehen, nach so vielen Jahren diese Möglichkeit:

Wir sind hier auf einem guten Weg und optimistisch, dass wir zu einer sehr kundenorientierten, versichertenfreundlichen Praxis in der gesamten Breite finden werden.
Ich weiß noch nicht, ob ich begeistert sein soll! Ich höre die Worte der Kundenorientierung seit 1985. Das war das Jahr, in dem ich in der PKV angefangen hatte. Nur nach 29 Jahren PKV hallen die Worte immer noch im Ohr nach. Ich habe aber Kunden, die seit mehr als 20 Jahren in der PKV sind, die mir ständig genau das Gegenteil sagen! Kundenorientierung der PKV bezieht sich doch auf potenzielle Kunden. Sobald die policiert sind und der Erstbeitrag ist auf dem Konto, sind die doch nur noch potenzielle Stornomasse zur Vererbung der Alterungsrückstellung im Kollektiv!
Handlungsbedarf sieht er auch bei Versicherten, die sich in einer Situation persönlicher Überforderung befinden.
Lieber Herr Leienbach, das hat der Gesetzgeber auch schon in den frühen neunziger Jahren erkannt. Und zwar aufgrund des medialen Drucks von außen! Deshalb hat er der PKV den Standardtarif auferlegt. Hat irgendwann einmal eine PKV versucht für den Kunden die Pflicht der Ärzte zur Behandlung von Standardtarif-Versicherten zu den in der GOÄ verankerten Sätzen (heute im SGB V verankert) durchzusetzen? Die Fälle sind keine Einzelfälle, sondern eine unternehmensübergreifende Strategie. Bloß nicht die Ärzte verärgern.

Und wenn man jetzt denkt, dass seit 2009 mit dem Basitarif und dem Vertrag zwischen PKV-Verband und KBV endlich alles besser wäre … Pustekuchen. Die Kassen-Ärzte verweigern den Patienten die Behandlung zu den in dem Vertrag genannten Sätzen. Die Versicherer (und die sind ja zusammen der PKV-Verband) sehen das und erstatten den tariflichen Satz. Die Versicherten bleiben aber im Regen stehen beziehungsweise auf den Differenzkosten sitzen. Bloß kein Ärger mit den Ärzten, sonst kommen die noch auf den Gedanken den Erhalt der PKV nicht mehr zu unterstützen!

Ein Beispiel sind Ehepartner von Beamten, die sich nach einer Scheidung nach vielen Ehejahren für den plötzlich wegfallenden Teil der Beihilfe komplett privat versichern müssen.
Ich bin fassungslos vor Begeisterung. Ein Problem, dass seit mehr als 20 Jahren in der PKV bekannt ist und seither ausgessesen wird. Soll die doch zum Sozialamt und vor allem: Wann wird die pflichtig und haut ab, damit wir die Vererbung haben! Soll Sie arbeiten gehen, mehr Unterhalt verlangen, Sozialamt … sorry, aber wer mehr als 20 Jahre Probleme ignoriert und nun, wenn die Luft dünner wird, darüber nachdenkt, sich dieser Probleme anzunehmen, der ist moralisch nicht auf der Höhe der Zeit!
Das gilt auch für die Bemühungen der Branche, künftig starke Beitragsanpassungen zu vermeiden. Bislang dürfen die Unternehmen die Prämien nur erhöhen, wenn bestimmte “auslösende Faktoren” anspringen: Die tatsächlichen Gesundheitskosten müssen höher sein als die kalkulierten, und die Abweichung muss mindestens fünf oder zehn Prozent betragen. Werden Anpassungen möglich, fallen sie oft hoch aus. “Wir haben Vorschläge gemacht, wie man die Beitragssprünge über den Zeitverlauf glätten kann” berichtet Leienbach. Die “auslösenden Faktoren” sind in der Kalkulationsverordnung verbindlich geregelt, sodass die PKV auf Unterstützung des Gesetzgebers angewiesen ist.
Mal ganz ehrlich: Haben Sie in der Schule in Mathematik aufgepasst? Ob ich alle drei Jahre um 15 bis 21 Prozent anpasse oder jedes Jahr um 5 bis 7 Prozent, ist im Ergebnis der Beitragshöhe nach 20 Jahren eigentlich egal, oder?

Lieber PKV-Verband. Ihr sitzt seit Jahrzehnten die Probleme aus und schafft auch täglich neue. Absurde Porzesse, in denen todsterbenskranken Menschen die Kostenersattung für die ambulante Palliativ-Versorgung verweigert wird.  Prozesse, in denen die PKV behauptet, dass ein C-Leg (GKV-Mindeststandrard) nicht die angemessene Ausführung ist, weil es ja preiswerter geht (-en muss).  Einsteigertarife, in denen nicht nur elementarste Leistungen fehlen, sondern auch noch am Sparen gespart wird.  Ich kann nach 30 Jahren PKV so viele Fälle auf den Tisch legen, die alle keine Einzelfälle sind, sondern System, dass ich an einem echten Willen zur Änderung zweifeln will!

Aber ich reiche dem PKV-Verband die Hand der Versöhnung. Ich erwarte nicht viel. Auch diese ganzen Werbesprüche und Lippenbekenntnisse könnt Ihr Euch sparen. Nur einen einzigen Wunsch habe ich:

Der Versicherte ist der wichtigste Mensch, nicht der, den ihr Morgen versichern könnt, sondern der, der bereits da ist. Und wenn dieser versicherte Mensch krank wird, also richtig und wirklich, nicht Goldzähne, sondern Krebs, Dialyse, Organversagen, dann setzen wir alle Hebel in Bewegung, um zu helfen und erstatten ohne “Wenn und Aber” die Kosten, also auch die, die vielleicht nur sinnvoll sind! Wir sind für unsere schwer kranken und vor allem auch alten Kunden da und kümmern uns um die. Auch und vor allem dann, wenn die Beiträge nicht mit der Altersversorgung oder der aktuellen finanziellen Situation kompatibel sind! Und die, die gerne Kunde werden wollen, die können auch mal ein oder zwei Monate warten!

Das ist alles, was Ihr tun müsstet, damit Ihr, die PKV, keine Baustelle mehr seid. Eure Einstellung zu Neu- und Mehrbeitrag in Frage stellen, Transparenz in der Bilanz, detaillierte Ausweisung aller Zahlen, Daten und Fakten und den versicherten Kunden, der krank ist oder wird, in den Mittelpunkt Eures Handelns stellen!

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