Ist Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV): Guido Bader. © DAV
  • Von Lorenz Klein
  • 05.05.2020 um 09:28
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Der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), Guido Bader, sieht die deutschen Versicherer durch die Corona-Krise nicht in ihrer Existenz bedroht. Am schwersten sei die Industrieversicherung von der Pandemie betroffen. Noch ungewiss sei die weitere Kosten-Entwicklung in der Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherung – die private Sachversicherung dürfte durch die vermehrte Arbeit im Homeoffice sogar profitieren.

Die Folgen der Corona-Pandemie seien für die Versicherungswirtschaft spürbar, aber nicht existenzbedrohend – so lautet die Kernerkenntnis von Guido Bader, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV), die er am Montag im Rahmen einer Webpressekonferenz näher erläuterte.

Demnach seien derartige Pandemien und deren Folgen in den Katastrophen-Szenarien des europaweit gültigen Aufsichtsregimes Solvency II bedacht und würden von den Aktuaren jedes Jahr im Rahmen des Risikomanagements entsprechend berücksichtigt.

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Auch die versicherungstechnischen Risiken für die Lebensversicherer hält Bader für „überschaubar“ – sofern sich die Mortalitätsrate speziell bei den unter 60-Jährigen hierzulande nicht vervielfachen sollte. Hierfür gebe es derzeit aber keine Anhaltspunkte, wie Bader betonte. Inwieweit infolge einer bevorstehenden Rezession mit einem Anstieg der Berufsunfähigkeitsfälle zu rechnen sei, könne man derzeit noch nicht abschätzen, so Bader weiter.

Gegenläufige Entwicklungen in der PKV

Auch in der Privaten Krankenversicherung ist es laut DAV-Analysen es für eine abschließende Kostenbewertung noch zu früh. Hier gebe es zwei gegenläufige Entwicklungen: Auf der einen Seite verursache die Corona-Pandemie hohe stationäre Kosten – und die Krankenversicherer hätten durch das Covid-19-Krankenhausentlastungsgesetz „spürbare Mehrausgaben“ – auf der anderen Seite fielen derzeit zahlreiche ambulante wie stationäre Behandlungen und Operationen weg oder würden verschoben.

„Die Beiträge für 2021 werden derzeit in den Aktuariaten auf Basis von ‚Vor-Corona-Daten‘ berechnet. Somit können etwaige Kostenauswirkungen der Corona-Pandemie nächstes Jahr noch gar nicht berücksichtigt werden“, erläuterte Bader im Hinblick auf die künftige Entwicklung der PKV-Beiträge. Aber: „Für die Folgejahre können Auswirkungen auf die Beiträge aber nicht ausgeschlossen werden“, gab der DAV-Chef zu bedenken.

Am schwersten betroffen von der Corona-Pandemie sehen die deutschen Aktuare die Industrieversicherung. „Hier realisieren sich noch nie dagewesene Kumulrisiken, da wir in der Veranstaltungsausfall- und der Betriebsschließungsversicherung de facto eine Betroffenheit von 100 Prozent haben“, erklärte Bader. So sei im gewerblichen Bereich durch die „teilweise längeren Betriebsschließungen mit zusätzlichen Versicherungsfällen zu rechnen“.

Weniger Schäden dank Homeoffice

In der privaten Haftpflicht- sowie der Hausrat- und Gebäudeversicherung zeichne sich hingegen eine positive Tendenz ab. „Durch das Homeoffice beziehungsweise die Quarantäne gibt es aktuell eine nahezu lückenlose Überwachung des eigenen Zuhauses und dadurch weniger Wasserschäden, Brände und weniger Einbrüche im privaten Bereich“, legte Bader dar. Und auch in der Kfz-Versicherung deuteten sich insgesamt weniger Schadenfälle an, da weniger gefahren werde und dadurch weniger Unfälle geschehen. „Das kann sich im kommenden Jahr in besseren Schadenfreiheitsklassen für die Versicherungsnehmer niederschlagen“, so die Prognose.

Wachsender Druck auf Solvency-II-Quoten

Weiter äußerte sich der DAV-Vorstandsvorsitzende über die schweren Verwerfungen an den Kapitalmärkten besorgt: So sei das Zinsniveau in den vergangenen Monaten bereits extrem niedrig gewesen – und der Druck habe durch die coronabedingten Markteingriffe der Europäischen Zentralbank (EZB) weiter zugenommen. „Wir haben im Moment einen Anlagenotstand und dieser wird kurz bis mittelfristig anhalten beziehungsweise sich eher weiter verschärfen.“

Erschwerend komme hinzu, dass nicht nur die Aktien- und Anleihemärkte sich „hochvolatil und unberechenbar“ entwickelten, sondern auch im Immobilien- und Hypothekenmarkt sowie bei den alternativen Investments stabile Renditen in Frage gestellt sein könnten. „Diese Risiken und mögliche Abschreibungen auf die Kapitalanlagen belasten die Bilanzen der Versicherer und wirken sich negativ vor allem auf die Solvency-II-Quoten der Lebensversicherer aus“, prognostizierte Bader. Bei den Schaden- und privaten Krankenversicherern rechne die DAV hingegen maximal mit moderaten Verschlechterungen der Solvenzquoten.

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Lorenz Klein

Lorenz Klein ist seit Oktober 2019 stellvertretender Chefredakteur bei Pfefferminzia. Dem Pfefferminzia-Team gehört er seit Oktober 2016 an.

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