BU-Policen Versicherer unterschätzen das Psycho-Risiko

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Immer mehr Menschen kommen mit ihrer Psyche nicht mehr klar. Längst sind seelische Erkrankungen die häufigste Ursache, wenn sie im Job die Segel streichen. Bei der Deutschen Rentenversicherung wurden 2011 knapp 242.000 Anträge auf Erwerbsminderungsrente gebilligt, über 60.000 davon wegen psychischer Störungen.

Bei den privaten Anbietern von BU-Policen sieht es kaum anders aus. In den vergangenen fünf Jahren mussten sie mit einem Anstieg der Leistungsfälle von 34.000 auf 42.000 klarkommen. Mit 28 Prozent auch hier ganz oben auf der Skala: Die Leute kommen mit sich und ihrem Leben nicht mehr klar. Mit 22,6 Prozent fallen die Gelenk- und Knochenerkrankungen all jener dahinter zurück, die in ihrem Job richtig zupacken müssen. Ausgerechnet auf deren BU-Risiko antworten die Versicherer aber immer noch mit den teuersten Tarifen.

Dabei sollten bei ihnen längst die Alarmglocken klingeln. Denn anders als bei körperlichen Risiken können sie die Seele von Antragstellern nicht mal so eben über ihren üblichen Gesundheitscheck abtasten. Wer in den fünf Jahren zuvor keinen Therapeuten aufgesucht hat und seinen wahren Gemütszustand verschleiert, rutscht unbehelligt durchs Fahndungsraster. Dass psychische Leiden auf dem Vormarsch sind, könnte sich für die Unternehmen also schon mittelfristig fatal auswirken. Oder für die Kunden.

Schützen können sich die Policen-Anbieter allenfalls mit ihren Preisen. Etwa indem sie die Zahlbeiträge bei Bedarf nach oben an die Bruttobeiträge anpassen. Oder ganz einfach die Prämien erhöhen. Die Kunden müssten dies schlucken, wollen sie nicht den wichtigen BU-Schutz in den Wind schreiben. Denkbar wäre auch, dass die Versicherer  längere Wartezeiten zwischen Vertragsschluss und vereinbartem Leistungsbeginn speziell bei psychischen Erkrankungen einführen. Oder dass Kunden diesen Bereich separat versichern – und dafür wahrscheinlich kräftig zahlen müssten.

Die Debeka denkt soweit noch nicht. Zwar machten psychische Erkrankungen bei ihm mittlerweile 40 Prozent aller Leistungsfälle aus, erklärt der Koblenzer Versicherer. Grund zur Sorge sei das laut Vorstand Roland Weber jedoch nicht: „Wir nehmen aufgrund unserer Bestandszusammensetzung an, dass psychische Erkrankungen bei der Debeka bereits häufiger die Ursache von Leistungsfällen in der Berufsunfähigkeitsversicherung sind als in der Branche. Zurzeit beobachten wir in unserem Bestand keine weitere Steigerung. Vor diesem Hintergrund planen wir nicht, unsere Aufnahmerichtlinien oder unsere Bedingungen zu ändern."

Gleichwohl sind die Deutschen für das Thema Psyche extrem empfänglich, wie ein Versicherer hinter vorgehaltener Hand beklagt. Die Stichworte hießen einerseits Moral Hazard. Allein dass man versichert sei, führe schon dazu, dass man auch etwas für sein Geld haben wolle. Und andererseits Aggravation, also Krankheitssymptome stärker zu schildern als sie tatsächlich zu fühlen. Das macht sich bei all jenen Ärzten gut, die an ihren Patienten gut verdienen wollen.

Zumal sich jedermann mühelos in der einschlägigen Literatur schlau machen kann, wo ihn vielleicht der Schuh drückt. Oder drücken sollte. Reinhard Haller, international renommierter Chefarzt der Klinik Maria Ebene im österreichischen Frastanz, spricht von einem „psychiatrischen Diagnosewahnsinn“. In einem Gastkommentar für die Vorarlberger Nachrichten verweist er auf das als „Bibel der Psychiatrie“ bezeichnete Diagnosewerk psychischer Störungen in neuer Form. Sie gelte weltweit als Basis aller psychiatrischen Lehren.

Die Diagnosewut darin mache vor nichts Halt, so Haller: „Schlechtgestimmte kämpfen mit einer „disruptiven Launenfehlregulationsstörung“, Zerstreutheit wird zum „Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitätsssyndrom“, lebhafte Kinder leiden zumindest an einer „Temperament-Fehlregulationsstörung“.

Ist also ein Teil der psychischen Erkrankungen am Ende nur aufgeblasen oder gar eingebildet? Die Versicherer können dies allenfalls erahnen, wirklich etwas dagegen tun hingegen nicht. Wie sie auch ungern darüber reden. Die Allianz verweist lediglich auf den Goodwill von Vermittlern und potenziellen Kunden. Gesundheitsfragen sollten wahrheitsgemäß beantwortet werden. Und darauf, dass sie Antragsteller auch bei psychischen Vorerkrankungen nicht allein lasse. Unternehmenssprecher Udo Rössler: „Ein Versicherer lebt vom Versichern.“

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