Den Deutschen wird gern eine Vollkasko-Mentalität in Sachen Versicherungen nachgesagt. 2.284 Euro jährlich geben sie laut Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GdV) für Policen aus. „Bei einer solchen Summe sollte man meinen, dass die meisten Verbraucher gut und ausreichend versichert seien“, heißt es dazu vom Bund der Versicherten (BdV).

Doch weit gefehlt: Der BdV geht davon aus, dass 90 Prozent der Haushalte nicht optimal versichert sind – sei es durch überflüssige Verträge, zu teure Versicherungen oder durch das Fehlen eines wichtigen Versicherungsschutzes.

Dazu zählen nach Meinung des BdV eine Haftpflicht- und eine Berufsunfähigkeitsversicherung. Nicht haftpflichtversichert ist laut Versicherungswirtschaft etwa ein Drittel der Deutschen. Nicht gegen Berufsunfähigkeit abgesichert sind hingegen drei von vier Bundesbürgern, was eine fatale Einschätzung der Risiken widerspiegelt: So muss laut Statistik der Deutschen Rentenversicherung jeder vierte Arbeitnehmer aus gesundheitlichen Gründen vorzeitig seinen Beruf aufgeben oder sich ganz aus dem Arbeitsleben verabschieden.
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Nach Berechnungen der Deutschen Aktuarvereinigung liegt die Wahrscheinlichkeit, vor Renteneintritt mit 65 Jahren berufsunfähig zu werden, bei 20- bis 50-jährigen Männern je nach Alter zwischen 34 und 43 Prozent. Hauptgrund hierfür sind mit großem Abstand psychische Störungen: Sie sind bei nahezu jeder zweiten Frau die Ursache für eine verminderte Erwerbsfähigkeit, bei Männern liegt die Quote bei 36,5 Prozent.



Je nach Berufsgruppe ist das Risiko für den Eintritt einer Berufsunfähigkeit unterschiedlich hoch. So ist rund jeder zweite Dachdecker statistisch gesehen von diesem Schicksal bedroht, aber nur etwa jeder 20. Jurist. Die unterschiedlichen Risiken führen naturgemäß zu enormen Unterschieden bei den Beiträgen: So zahlt ein Maurer, der mit einer Wahrscheinlichkeit von 38 Prozent berufsunfähig zu werden droht, monatlich je nach Anbieter mehr als 400 Euro für eine BU-Rente von 1.500 Euro, ein Diplomingenieur hingegen mit bis zu 130 Euro weniger als ein Drittel des Beitrags.



Diese Kostenstruktur führt fatalerweise dazu, dass ausgerechnet die Berufsgruppen, die dringend eine Absicherung benötigen, sich diese kaum leisten können – oder von den Gesellschaften wegen ihres Berufs oder einer Vorerkrankung abgelehnt werden.

Potenzial für Alternativen

Für diese Berufsgruppen schnürt die Assekuranz zunehmend Lösungspakete, die zwar nicht so umfassend absichern wie eine klassische BU, aber dem Nicht-Absichern klar vorzuziehen sind.

Dazu gehören beispielsweise Erwerbsunfähigkeitsversicherungen oder Multi-Risk-Tarife, die den Verlust bestimmter Grundfähigkeiten oder den Eintritt bestimmter Erkrankungen absichern. „Diese Tarife sind in den vergangenen Jahren deutlich weiterentwickelt worden, einige Tarife leisten bereits ab Verlust nur einer Grundfähigkeit wie ‚Hände-Gebrauchen‘ oder ‚Arme-Gebrauchen‘. Daher wird mittlerweile ein breites Spektrum speziell für solche Arbeitnehmer geboten, die keine BU erhalten“, sagt Katrin Bornberg, Geschäftsführerin des Analysehauses Franke & Bornberg.

Auf der Vertriebsseite gewinnen die alternativen Produktlösungen an Attraktivität, so das Ergebnis von Umfragen, die das Analysehaus im vergangenen Jahr unter den Teilnehmern der Veranstaltungsreihe „Forum-Arbeitskraftsicherung“ durchführte: „2012 war nicht einmal jeder fünfte Makler bereit, sich mit Alternativen zur BU zu beschäftigen, mittlerweile trifft dies auf die Mehrheit zu“, so Bornberg.



Auch wenn die Befragung nicht als repräsentativ anzusehen sei, da die Vorträge überwiegend von für diese Thematik aufgeschlossenen Beratern besucht wurden, sei eine Verdichtung des Interesses an den drei Produkten EU, Multi-Risk und Unfall-Policen festzustellen, erklärt die Chefin des in Hannover ansässigen Rating-Hauses.

Sie sieht im Markt für alternative Absicherungskonzepte eine wichtige Ergänzung zu den BU-Policen, die über Jahre hinweg immer besser und leistungsfähiger gestaltet worden seien und im internationalen Vergleich auf „Weltmeister-Niveau“ lägen. Doch die Produktqualität sei nicht der einzige Faktor, wenn es darum gehe, eine sinnvolle Arbeitskraftabsicherung anzubieten, betont Bornberg. „Neben Leistungsumfang und Berufsbezug ist eine dritte Qualitätssäule entscheidend, nämlich die Erreichbarkeit des Produkts“, so die Expertin. „Diese definiert sich durch die beiden Merkmale Preis und Risikoprüfung. Die beste Police nützt Arbeitnehmern, die sich absichern wollen, nichts, wenn sie vom Anbieter abgelehnt werden oder die Prämie zu hoch ist.“