Bis zu 150 Milliarden Euro für die Zinszusatzreserve „Massive Belastung für die Branche“

Wenn die Zinsen so niedrig bleiben, könnte die Zinszusatzreserve auf 150 Milliarden Euro ansteigen.
Wenn die Zinsen so niedrig bleiben, könnte die Zinszusatzreserve auf 150 Milliarden Euro ansteigen. © Assekurata

Die Zinszusatzreserve steht auf dem Prüfstand, da sie die Versicherer im aktuellen Niedrigzinsniveau stark belastet. Das zeigen auch Berechnungen der Rating-Agentur Assekurata, die verdeutlichen, dass der Reservebestand in den kommenden zehn Jahren bei gut 150 Milliarden Euro liegen könnte. Wo das Geld dabei herkommen soll und warum sich daraus ein Teufelskreis zu Ungunsten der Kunden ergeben könnte, lesen Sie hier.

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Was ist die Zinszusatzreserve?

Mit der Zinszusatzreserve sorgen die deutschen Lebensversicherer im anhaltenden Niedrigzinsumfeld für ihre Bestandskunden vor. Viele Kunden haben in der Vergangenheit Verträge mit höheren Garantiezinsen von bis zu 4 Prozent abgeschlossen. Diesen Zins zu erwirtschaften, ist im aktuellen Marktumfeld aber extrem schwierig. Daher bilden die Versicherer Rücklagen, um ihre Zinsversprechen für diese Kunden auch einhalten zu können.

Wie viel Geld müssen die Versicherer zurücklegen?

Wie viel Geld die Branche dabei zurücklegen muss, hängt vom Bezugszins ab – dem zehnjährigen Null-Kupon-Euro-Zinsswapsatz. Um das künftige Reservevolumen zu verdeutlichen, hat die Rating-Agentur Assekurata für diesen Zins verschiedene Verläufe durchgespielt und die jeweils erforderliche Zinszusatzreserve abgeschätzt.

Die Grafik zeigt das pessimistische Szenario, das für die nächsten Jahre ein extremes Niedrigzinsniveau mit nur leichten Schwankungen unterstellt. Der Bezugszins bezieht sich dabei auf die linke Skala, ebenso wie die Garantiezinsgenerationen. Der voraussichtliche Bestand an Zinszusatzreserve ist auf der rechten Skala markiert.



Bis 2024 wären letztlich alle Tarifgenerationen von der Nachreservierung betroffen, inklusive der erst Anfang 2015 eingeführten mit 1,25 Prozent Garantiezins. Wie Assekurata ausführt, würde dies „die Branche massiv belasten und auf breiter Linie zu Finanzierungsengpässen führen. Im Ergebnis müssten die Lebensversicherer ein Nachreservierungsvolumen von mehr als 150 Milliarden Euro stemmen.“

Wo kommt das Geld her?

In den vergangenen Jahren haben die Versicherer die Zinszusatzreserve teilweise dadurch finanziert, dass sie ihre hochverzinsten festverzinslichen Wertpapiere verkauft haben. Das führt zu einer Auflösung von stillen Reserven, wodurch zwar die Nettoverzinsung der Kapitalanlagen steigt, im Gegenzug aber der laufende Bestandszins schneller zurückgeht.

Letzteres zeigt sich in der zweiten Grafik anhand der laufenden Durchschnittsverzinsung, die als externer Indikator für den Ertrag aus den Kapitalanlagebeständen dient. Unterhalb und weitgehend parallel dazu verläuft die durchschnittliche Garantiezinsanforderung aus den Beständen. Diese können die Versicherer somit noch aus dem laufenden Ertrag der Kapitalanlagen finanzieren, wobei der Puffer geringer ist als in früheren Jahren und je nach Anbieter unterschiedlich ausfällt.



„Dabei weisen die Leistungsversprechen an die Kunden in der Regel eine längere Laufzeit auf als die Kapitalanlagen“, sagt Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse der Assekurata und Autor der Untersuchung. „Dadurch gehen die Zinserträge bei anhaltendem Niedrigzinsumfeld auf Dauer schneller zurück als die Verpflichtungen der Lebensversicherer.“

Nach Einschätzung von Assekurata bremsen die hohen Anforderungen der Zinszusatzreserve die Versicherer dabei, Eigenkapital aufzubauen. Das ist vor dem Hintergrund der neuen EU-Eigenkapitalrichtlinie Solvency II aber Pflicht. Außerdem bleiben den Gesellschaften dadurch nur wenige Spielräume für Zuführungen zur Rückstellung für Beitragsrückerstattung (RfB) und die Überschussbeteiligungen der Kunden.

System sollte angepasst werden

Gesetzgeber und Aufsichtsbehörde sollten die Zinszusatzreserve daher neu gestalten, findet Assekurata. Heermann: „Dies erfordert Fingerspitzengefühl, um die wirtschaftliche Basis der Branche nicht überzustrapazieren, ihr aber dennoch eine gebührende Reservedisziplin zum langfristigen Schutz der Versicherten aufzuerlegen. Zwar würde eine zeitliche Streckung der Zinszusatzreserve die Erträge aus einer etwaigen Auflösung noch weiter in die Zukunft verlagern. Wenn aber ein Großteil der Lebensversicherer die Anforderungen irgendwann nicht mehr bedienen kann, ist es legitim, die zugrunde liegende Methodik schon heute kritisch zu hinterfragen.“

Aber auch die Versicherer seien aktiv gefordert, sich unter den geänderten Rahmenbedingungen neu zu positionieren, findet Heermann. Viele Unternehmen würden bereits daran arbeiten, die Zinsabhängigkeit ihrer Produkte zu reduzieren und die eigene Risikotragfähigkeit im Gegenzug zu erhöhen. Das Fazit der Analysten lautet trotzdem: Der Druck auf Produktion und Margen im Neugeschäft der Lebensversicherer wird auch in den kommenden Jahren hoch bleiben.

Den 23-seitigen Ausblick können Interessenten auf der Internetseite www.assekurata.de kostenlos downloaden.
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