Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata © Assekurata
  • Von Juliana Demski
  • 17.02.2020 um 17:36
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Sollten die Kapitalmarktzinsen weiter sinken, wird die Zinszusatzreserve (ZZR) bis 2030 auf mehr als 150 Milliarden Euro anschwellen, so die Prognose der Ratingagentur Assekurata. Die jüngst eingeführte Korridormethode zur Entlastung der Lebensversicherer droht damit zu verpuffen.

Im Rahmen einer aktuellen Studie zu den Überschussbeteiligungen in der Lebensversicherung wagt die Ratingagentur Assekurata einen Blick in die Zukunft: Demnach wird die Branche bis zum Jahr 2030 eine Zinszusatzreserve (ZZR) von 150 Milliarden Euro ansammeln. Dieser Wert entspreche der letzten Hochrechnung vor der 2018 eingeführten Korridormethode. Der Effekt aus der Methodenänderung, um die Lebensversicherer in der Niedrigzinsphase zu entlasten, und die Nachteile durch weiter gefallene Marktzinsen würden sich damit in den aktuellen Hochrechnungen gegenseitig aufheben, so Assekurata.

Das Problem:

Die Zinsflaute am Kapitalmarkt hat im vergangenen Jahr neue Ausmaße angenommen. Laut Assekurata schlägt sich das auch in den ZRR-Anforderungen nieder: Der Referenzzins sei 2019 um 17 Basispunkte auf 1,92 Prozent gesunken. „Damit befinden sich alle Tarifgenerationen mit einem Garantiezins von 2,25 Prozent und höher in der Nachreservierung“, erläutert Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata. „Über alle Studienteilnehmer betrifft dies fast 80 Prozent der Bestände, wenngleich es zwischen den Lebensversicherern große strukturelle Unterschiede gibt.“

Im Bilanzjahr 2018 sei der Referenzzins lediglich um 12 Basispunkte zurückgegangen. Der Grund dafür sei die Methodenänderung bei der Ermittlung des ZZR-Bedarfs gewesen – die sogenannte Korridormethode. „Eine wesentliche Motivation für die Korridormethode war es, sprunghafte ZZR-Anstiege in einzelnen Jahren zu verhindern und den Reserveaufbau langfristig zu glätten“, so Analyst Heermann. „Methodisch funktioniert dies auch, allerdings hat der neuerliche Zinsverfall an den Kapitalmärkten den Zuführungsbedarf wieder deutlich erhöht.“

So ermittelte Assekurata aus den Studiendaten, dass die Lebensversicherer im Bilanzjahr 2019 der ZZR insgesamt 9,5 Milliarden Euro zugeführt haben. Ein Jahr zuvor seien es noch 6 Milliarden Euro gewesen. „Um diese Zuführung zu stemmen, mussten die Versicherer zusätzlich etwa ein Prozent Nettorendite erwirtschaften, was im aktuellen Zinsumfeld keine Selbstverständlichkeit ist“, rechnet Lars Heermann vor. Auch für die nächsten zwei Jahre erwartet Assekurata ZZR-Zuführungen in ähnlicher Höhe.

Seit 2011 seien hier bereits 75 Milliarden Euro zusammengekommen. Dieser Wert führe dazu, dass die Zinsanforderungen in den Beständen deutlich sinken. Während sich der nominelle Garantiezins der Unternehmen Ende 2019 auf durchschnittlich 2,73 Prozent belaufe, sei die wirtschaftliche Anforderung deutlich geringer. Unter Berücksichtigung der ZZR liege sie, so Assekurata, bei durchschnittlich 1,77 Prozent. „Hier zeigt sich der positive Effekt der Zinszusatzreserve auf die Bestände“, so Heermann. Er sagt voraus, dass der Referenzzins trotz der neuen Korridormethode weiter sinken wird – wenn auch langsamer als vorher. 2028 werde der Referenzzins laut einem vom Assekurata erstellten Basisszenario wohl erstmals das Niveau von 0,90 unterschreiten. Dies hätte zur Folge, dass dann bereits die aktuell gültige Höchstrechnungszinsgeneration nachreservierungspflichtig würde. Im Negativszenario, in dem die Agentur ein bis 2030 kontinuierlich auf minus 1,00 Prozent sinkendes Zinsniveau annimmt, wäre dies sogar schon im Jahr 2025 der Fall. Aber selbst im Positivszenario, in dem sich das Zinsniveau langsam erholen und auf 1,50 Prozent ansteigen würde, sinkt der Basiszins in den kommenden Jahren noch auf 1,42 Prozent ab, würde sich dann aber stabilisieren.

Dazu Heermann:

„Ausgedrückt in Euro müsste die Branche im Basisszenario bis 2030 mehr als 150 Milliarden Euro an ZZR-Mitteln aufbauen, was unseren Hochrechnungen vor Einführung der Korridormethode zum damaligen Zinsniveau entspricht.“ Nach alter ZZR-Methodik läge in diesem Szenario der künftige Höchstbedarf im aktuellen Zinsumfeld sogar bei über 200 Milliarden Euro, ähnlich wie aktuell im Negativszenario.

„Besser sieht es im Positivszenario aus, bei dem die ZZR bereits bei gut 100 Milliarden Euro ihren Gipfel erreicht und ab 2026 schon wieder abgebaut würde“, ergänzt der Experte. „Dann hätte die Branche heute bereits drei Viertel der insgesamt erforderlichen ZZR gestemmt, was unter unseren derzeitigen Zinsprognosen allerdings unwahrscheinlich ist.“ Die Höhe der noch nötigen Reserven hänge vor allem von der Bestandszusammensetzung der Anbieter ab. Einige von ihnen müssten weiterhin Teile ihrer Bewertungsreserven auflösen.

Assekurata sieht Bedarf für eine gesetzliche Neuregelung:

Ein entsprechender Referentenentwurf des Bundesfinanzministeriums (BMF) sehe bereits vor, die Mindestzuführungsverordnung so zu ändern, dass Kapitalgeber ihren Finanzierungsbeitrag sukzessive zurückerhalten können, falls dieser schlussendlich nicht benötigt werden sollte. „Dies würde Kapitalspritzen von außen erleichtern und die Absicherung der Zinsgarantien auf breitere Füße stellen, weil die Reserve dann nicht mehr zwangsläufig aus Versichertengeldern gestellt werden müsste“, befürwortet Heermann die Idee.

Ebenso erwartet die Branche aber auch eine erneute Absenkung des Höchstrechnungszinses. Alle Studienteilnehmer erwarten diese zu Anfang 2020. Mehrheitlich gehen die Versicherer dann von einer Absenkung auf 0,50 Prozent aus. Einzelne Teilnehmer erwarten sogar einen noch niedrigeren Rechnungszins.  

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Juliana Demski

Juliana Demski ist Werksstudentin bei Pfefferminzia und unterstützt die Redaktion in der täglichen Berichterstattung.

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