„Vom Pflege-Bahr halten wir nichts“

Helmut Posch ist Vorstandsvorsitzender der Continentale
Helmut Posch ist Vorstandsvorsitzender der Continentale

Helmut Posch, Vorstandsvorsitzender des Continentale Versicherungsverbunds auf Gegenseitigkeit, über die voranschreitende Integration der Mannheimer Versicherung, das neue Lebensversicherungsreformgesetz und unangebrachte Schadenfreude.

| , aktualisiert am 12.11.2014 12:12  Drucken

Pfefferminzia: Die Continentale hat 2012 die Aktienmehrheit an der Mannheimer übernommen und ist heute Alleingesellschafter. Was hat die Continentale an der Mannheimer gereizt?

Helmut Posch: Wir wollten über die Integration der Mannheimer vor allem unsere Portfoliostruktur ausgleichen. Wir hatten ein sehr großes Krankenversicherungs-, ein mittleres Lebensversicherungs- und ein kleines Sachversicherungsportfolio. Die Krankensparte machte etwa 52 Prozent der Beitragsstruktur aus, bei Leben waren es gut 32 Prozent, und Sach hatte einen Anteil von knapp 16 Prozent. Jetzt sind es etwas weniger als 50 Prozent in der Krankenversicherung und ungefähr je ein Viertel in der Lebens- und Sachversicherung. Außerdem haben die Sachversicherungsprodukte der Mannheimer uns gut gefallen. Die Continentale richtet sich an Privatkunden und das Kleingewerbe, während die Mannheimer ihre Stärken in maßgeschneiderten Lösungen für bestimmte Zielgruppen hat. Wir tun uns also nicht weh, sondern ergänzen uns gut.

Welche Zielgruppen sind das?

Die Mannheimer deckt zum Beispiel rund 60 Prozent des Juweliermarkts in Deutschland ab. Oder nehmen Sie Musiker und Musikinstrumente, Hotels, Golfplätze, Oldtimer – die Mannheimer hat in fast 20 Zielgruppen eine Sonderstellung auf dem deutschen Markt. Das ist für uns ein wichtiges Asset.

Wie weit ist die Integration?

Es ist noch viel zu tun. Eingegliedert in den Verbund haben wir bereits Bereiche aus Mannheim wie Personal, Rechnungswesen, Controlling, Betriebsorganisation und IT – davon waren rund 300 Mitarbeiter betroffen. In der Lebensversicherung läuft die Verschmelzung der Mamax auf die Continentale Lebensversicherung derzeit noch. Damit werden wir Mitte dieses Jahres fertig sein. In der Krankenversicherung braucht es noch Vorbereitungsarbeit.

Inwiefern?

Da bereiten wir gerade die technische und mathematische Basis, um den Paragrafen 204 Versicherungsvertragsgesetz zum Wechselrecht in der Krankenversicherung erfüllen zu können. Wir müssen also die ganze Historie der Mannheimer-Produkte in unser System übertragen. Ist das geschafft, können Mannheimer-Krankenversicherungskunden zum Beispiel in einen Tarif der Continentale wechseln. Das wird aber voraussichtlich noch bis Mitte 2015 dauern.

Was ist bisher glatt gelaufen, und wo hat es gezwickt?

Es gibt eigentlich keinen Bereich, der so richtig zwickt. Wir haben die Integration unter Einbindung aller Mitarbeiter und Führungskräfte umgesetzt. Natürlich gibt es immer Situationen, in denen es menschelt. Wenn der Mannheimer Bereichsleiter von gestern nun als Abteilungsleiter unter einem Bereichsleiter in Dortmund arbeiten muss zum Beispiel. Aber es ist alles in allem gut gelaufen. Wir haben keine einzige Führungskraft verloren, wir haben keinen einzigen Mitarbeiter verloren. Die Leute sind an Bord geblieben – alle 900. Wir sind also viel besser unterwegs, als es zu erwarten gewesen wäre.

Wie hat sich die Integration auf die Unternehmenszahlen der Continentale ausgewirkt?

Die Beitragseinnahmen haben sich im vergangenen Jahr um 20,3 Prozent auf rund 3,4 Milliarden Euro erhöht. Aber auch wenn wir die Mannheimer nicht mit einrechnen, ist die Continentale mit einem Plus von 4,1 Prozent auf 2,9 Milliarden Euro Beitragseinnahmen stärker gewachsen als der Markt mit 3,0 Prozent. Hierfür sind vor allem die Schaden- und Unfallversicherung sowie die Lebensversicherung verantwortlich.

Sie haben im vergangenen Jahr die neue klassische Police easyRente auf den Markt gebracht als Antwort auf das anhaltende Niedrigzinsniveau.

Nein, das hatte mit den niedrigen Zinsen gar nichts zu tun. Die easyRente ist ein Schritt hin zu mehr Transparenz, wir wollen unsere Produktwelt einfacher machen. Daher ist es bei der easyRente nun zum Beispiel so, dass der Antrag nur eine Seite lang ist. Vorher waren es zwischen sechs und acht. Das ist auch für unsere Vertriebspartner eine enorme Erleichterung.

In die gleiche Richtung stößt unser Medical Home Service im Bereich Berufsunfähigkeits- und Lebensversicherung. Geht es an die Gesundheitsprüfung, kommen medizinische Fachkräfte zu Ihnen nach Hause und führen dort die notwendige Untersuchung durch. Auch im Leistungsfall gibt es eine persönliche Unterstützung beim Ausfüllen des Antrags oder dem Zusammenstellen wichtiger Unterlagen.

Jeder Vermittler wird Ihnen bestätigen, dass er sonst drei, vier, fünf Anrufe oder Besuche beim Kunden benötigt, bis das ärztliche Attest vorliegt. Da macht der Vermittler für den Kunden vielleicht einen Termin beim Arzt, und der Kunde geht nicht hin. Oder es fehlen noch Unterlagen. Das ist ein Riesenaufwand. Für diesen Service haben wir Lobesbriefe gekriegt.

Planen Sie denn eine Produktantwort auf das Niedrigzinsniveau?

Wir beobachten den Markt und die Wettbewerber aufmerksam. Wenn sich hier ein Bedarf entwickelt, werden wir uns dem nicht verschließen. Aber das werden wir im Verlauf des kommenden Jahres entscheiden. Im Moment nicht. Außerdem stehen wir ganz klar zur klassischen Lebensversicherung und zu klassischen Garantien. Es gibt in Deutschland ein Bedürfnis nach Sicherheit. Und aus meiner Sicht erfüllt die Lebensversicherung dieses Bedürfnis mit ihrer Todesfallabsicherung und lebenslangen Rentengarantie am besten.

Sie stehen auch zur klassischen LV bei einer Senkung des Rechnungszinses auf 1,25 Prozent, wie jetzt von der Bundesregierung beschlossen?

Ja.

Halten Sie die Garantiezinssenkung für gerechtfertigt?

Die Berechnung, die die Aktuare anwenden, um die Höhe des Garantiezinses zu prüfen, gab wohl keinen Anlass, den Garantiezins zu senken. Ich glaube, das ist eher politisch getrieben, um die Situation der Lebensversicherer zu stabilisieren. Wir werden aber mit der neuen Situation genauso gut zurechtkommen wie mit der jetzigen. Um den Garantiezins geht es doch eigentlich gar nicht. Es geht darum, was wir insgesamt ausschütten. Und da liegen wir mit einer Gesamtverzinsung von rund 4,3 Prozent deutlich über dem Garantiezins. Wissen Sie, man muss grundsätzlich zu seinen Produkten stehen und kann nicht immer nur das machen, was der Markt gerade verlangt.

Sie wollen dieses Jahr noch ein neues Pflegeprodukt starten. Das Thema Pflege ist am Markt aber doch auch gerade in aller Munde. Zumindest bringt gefühlt jede Versicherungsgesellschaft derzeit eine neue Pflegeversicherung auf den Markt.

Pflege ist ein großes Thema. Und ehrlich gesagt hätten wir das Produkt schon längst auf dem Markt, wenn wir geschafft hätten, es zu produzieren. Aber durch die Umstellung auf die Unisex-Welt einerseits und die Integration der Mannheimer andererseits waren alle Ressourcen gebunden. Da haben wir es einfach nicht geschafft, das Pflegeprodukt zu entwickeln.

Wie soll das neue Pflegeprodukt aussehen?

Wir wollen im Herbst eine ungeförderte Pflegetagegeldversicherung starten. Sie wird sich an unseren Tarifen orientieren, die wir in der Bisex-Welt angeboten haben. Aber wir machen die Versicherung noch ein wenig flexibler und statten sie mit einigen Optionsmöglichkeiten aus.

Wird es auch ein gefördertes Produkt, also einen Pflege-Bahr von der Continentale geben?

Nein, davon halten wir nichts.

Warum?

Ein Produkt, bei dem es von Gesetzes wegen keine Gesundheitsprüfung geben darf, kommt einfach nicht infrage. Sehen Sie, uns liegt sehr viel daran, unseren Bestand zu schützen. Aus diesem Grund haben wir in der Krankenversicherung zum Beispiel auch den Garantiezins unter die 3,5-Prozent-Marke gesenkt. Im Schnitt liegt der Rechnungszins in unserem Krankenversicherungsbestand jetzt zwischen 3,2 und 3,5 Prozent, je nach Tarif. Das war ein wichtiger Schritt zur Beitragssicherung.

Im neuen Lebensversicherungsreformgesetz, kurz LVRG, ist neben der Garantiezinssenkung vorgesehen, dass die Ausschüttung von Bewertungsreserven auf festverzinsliche Wertpapiere an Kunden ausgesetzt werden kann, wenn sich der Versicherer in einer Klemme befindet.

Richtig, aber uns betrifft das nicht. Wir werden keine Bewertungsreserven einbehalten müssen. Unsere Kapitalanlagen sind 2013 um 13,4 Prozent auf 18,5 Milliarden Euro gestiegen, und auch ohne Einbeziehung der Mannheimer gab es ein deutliches Plus. Die Erträge haben sich um 4,5 Prozent auf 759 Millionen Euro erhöht. Unsere Kapitalanlagepolitik ist konservativ ausgerichtet. Wenn wir zum Beispiel in Aktien investieren, dann nur über abgesicherte Strategien oder Mischfonds, um die Volatilität auszugleichen.

Im LVRG steht auch, dass die Bafin es Versicherungs-AGs untersagen kann, Dividenden auszuschütten, wenn andere Leistungen gefährdet sind. Ist man als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit, wie es die Continentale ist, da ein bisschen schadenfroh?

Es geht ja darum, immer wieder die Balance zwischen den wirtschaftlichen Bedürfnissen des Unternehmens auf der einen Seite, also Ertrag und Gewinn, und den Bedürfnissen der Mitarbeiter, Vertriebspartner und Kunden auf der anderen Seite zu finden. Und da tun wir uns als VVaG leichter als eine Aktiengesellschaft. Wir müssen keine Gewinne abführen, und es gibt keine  Erwartungshaltung von Aktionären, wie viel Gewinn wir machen müssen, wobei wir  selbstverständlich für unsere Versicherten Überschüsse erwirtschaften wollen. Aber die Sorge, dass es so einen Schritt überhaupt braucht, ist viel größer als eine mögliche Schadenfreude. Denn er macht deutlich, dass einzelne Gesellschaften möglicherweise wirklich schon Probleme haben, sonst bräuchte es diese Maßnahme ja nicht. Und darüber kann ich mich nicht freuen.

Helmut Posch, ...

... Jahrgang 1956, ist Vorstandsvorsitzender im Continentale Versicherungsverbund. Der Österreicher ist seit 30 Jahren in der Versicherungsbranche tätig. Nach seiner Ausbildung zum Versicherungskaufmann übernahm er schnell Führungsverantwortung bei verschiedenen österreichischen Versicherern, wobei er berufsbegleitend den Lehrgang für Internationales Management in St. Gallen absolvierte. 2002 wurde Posch Vorstand der österreichischen Uniqa Versicherungen, 2004 wechselte er als stellvertretender Vorstandsvorsitzender zu den Mannheimer Versicherungen. 2006 wurde er deren Vorstandsvorsitzender. Zum Continentale Versicherungsverbund kam Posch im September 2011, zunächst als stellvertretender Vorstandsvorsitzender. Seit Juli 2012 ist er Vorstandsvorsitzender im Verbund.

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